Mittwoch, 3. Oktober 2018

1990: Flaggenwechsel - Von der DDR zur BRD

Die DDR-Flagge - am 3. Oktober 1990 an der Backbordseite gesetzt
Ein Erlebnisbericht von Norbert Dahms

Langsam durchschneidet der Bug des Atlantik- Supertrawlers ROS 338 "Bruno Apitz" die Gewässer vor der namibianischen Küste. Auch hier sind die Fischereischiffe der Rostocker Hochseefischerei unterwegs. Ich bin auf dieser Reise als Maschinenassistent eingesetzt. Der Supertrawler schleppt sein Netz mit gleichbleibender Geschwindigkeit. Wir sind auf der Jagd nach Bastard- oder Holzmakrele und fangen sehr gut.

In etwa 10 Tagen ist der Supertrawler vollgefischt
Etwa 1000 Korb pro Hohl. In etwa 10 Tagen ist der Supertrawler vollgefischt und wir können wieder in Walfishbay unsere Ladung löschen. Doch heute ist etwas anders. Heute soll um 12:00 Mittag das Gebiet der DDR der BRD beitreten. Da wir uns in der gleichen Zeitzone befinden gibt es keinerlei Zeitverschiebung außer...ja außer die Fischerei. Sie bestimmt alles. Da wir das Netz früh noch ausgesetzt hatten, müssen wir erst hieven und den Fang an Bord holen. Deshalb bestimmt der Kapitän, daß der Flaggenwechsel erst um 13:00 Uhr stattfinden wird.

Aber was ist das? Keine wehende Flagge ist zu sehen...
Punkt 13:00 Uhr ist die gesamte Mannschaft des Schiffes auf dem Arbeitsdeck versammelt. Es fehlten lediglich die für die Schiffssicherheit Unabkömmlichen aus der Maschine und von der Brücke. Der Kapitän hält eine etwa 10 minütige Ansprache an seine Besatzung und gibt das Zeichen den Flaggenwechsel zu vollziehen. Für diese wichtige Prozedur haben wir extra eine DDR Flagge an der Backbordseite gesetzt, die nun langsam eingeholt wurde. Danach steigt auf der Steuerbordseite langsam, ganz langsam...Aber was ist das? Keine wehende Flagge ist zu sehen. Ein Sassnitzer Matrose hatte noch gelernt, wie es richtig geht. Er hatte ein Päckchen geschnürt, welches bis nach ganz oben gezogen wurde. Oben angekommen, mit einem kleinen starken Ruck, öffnete sich die Flagge mit einem Schlag und wehte stramm im Wind. Ich konnte sehen, wie dem Kapitän, welchem gerade die Gesichtszüge entgleisen wollten, sich entspannte und froh war, daß alles gut lief.

Jetzt wurde auch die Fahne am Achterschiff in die nun für uns gültige Fahne ausgetauscht.

Heute wurde nicht mehr gefischt...
Heute wurde nicht mehr gefischt. Es gab eine kleine Feier an Bord mit Sonderration an Alkohol zu Ehren dieses großen Tages. Wir von der Maschine hatten uns auch etwas ausgedacht. Ich holte vom Smutje aus der Kombüse alle notwendigen verfügbaren Zutaten, um ein großes Speiseeis im Frostraum anzusetzen. Das ging bei -40°C recht schnell. Ich formte aus Pappe die Umrisse der neuen Bundesrepublik, trennte sie 2x mit Querstreifen und füllte Eis in den verschiedenen Farben Schoko (statt Schwarz), Erdbeer (für Rot) und Vanillie (für Gold). Das ganze paßte gerade so auf ein großes Backblech von ca. 80 x50 cm und war etwa 10 cm hoch. Reichlich für eine 80-köpfige Besatzung.

Bald sollte es nach Hause gehen
Bald sollte es nach Hause gehen. Am 8.Oktober 1990 wurden wir via Windhoek nach Berlin heimgeflogen. Heimgeflogen in ein für uns ungewisse Zukunft. Denn uns war allen bewußt, daß es unsere letzte Reise auf einem Schiff der Rostocker Hochseefischerei war...

---

Am Mittwoch, den 20. Oktober 1982, wurde der Atlantik-Supertrawler ROS 338 "Bruno Apitz" mit dem traditionellen Flaggenwechsel in Dienst gestellt. Es war das achte Fang- und Verarbeitungsschiff des Typs, das von der Volkswerft Stralsund an die Hochseefischer übergeben wurde. Damals wurde die feierliche Schifstaufe übrigens von der Gattin des Autors Bruno Apitz vorgenommen. Am darauffolgenden Freitagvormittag, den 22. Oktober 1982, lief die ROS 338 "Bruno Apitz" unter Kapitän Georg Marggraf in den Heimathafen Marienehe ein. Auf dem Schiff kamen zwei Fischverarbeitungsmaschinen SMB 2/1 zum Einsatz, die zur weiteren Erleichterung der Beschickung mit den Fischzuführungen MFZ 1 und MFZ 2 ergänzt wurden.