Samstag, 20. Oktober 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (36)

Blick übers Wasser am Ortsausgang von Patzig
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Wer von Patzig in Richtung Woorke aufbricht, könnte meinen, es ist der Weg in ein fast vergessenes Land. Viele der Menschen und der Bauwerke, die einst die Landschaft prägten, sind verschwunden. Heute erinnert kaum noch etwas daran...

Blick auf das Feld, wo einst die Bockwindmühle der Familie
Zum Beispiel an die Woorker Windmühle. Sie befand sich einst auf einer leichten Erhebung des Feldes, welches linker Hand vom Weg liegt. Hatte man sie mittels mechanischer Kraftanstrengung einmal in den Wind gedreht, so "schaufelten" ihre Flügel stolz durch den Wind, der über das Land sauste. Erinnern möchte daran nur noch ein alter Findling. Auf ihm ist eine Tafel befestigt. Darauf zwei alte Fotos, die die Windmühler der Familie Gögge zeigen, und ein Bild von Tom Beyer. Seine bunten Farben haben der Bockwindmühle ein ewiges Denkmal gesetzt. Sie wurde, wenige nach dem Verkauf  (1957) an den Patziger Müllermeister Drews, abgetragen.

keine Angst: Diese "Traktoristin" ist nicht mehr unterwegs...
Auch heute weht noch ein Wind über die Felder um Woorke. Er bewegt die Gräser und lässt im Oktober die Blätter der Bäume rascheln. Die Sonne scheint ihre ganze Kraft zu bündeln, um ihre Strahlen auf die Erde zu schicken. Wer nun seine Jacke lüftet, hat beinahe das Gefühl von Sommer. Direkt in Woorke fällt der Blick auf eine Traktoristin, die so echt wirkt, als würde sie wiklich im begriff sein, los zu fahren. Aber auch hier herrscht Stille. Überhaupt: Der Ort strahlt Ruhe aus. kein Wunder das hier auch Adebar gerne Quartier bezieht und das Storchennest des Ortes gerne in Beschlag nimmt.

Die Woorker Berge - Zeugen der Vergangenheit auf der Insel
Schon von weitem kann man die Woorker Berge sehen. Sie heben sich deutlich ab und ragen wie Maulwurfshügel aus der Landschaft - nur das sie mit Bäumen bewachsen sind. Wer dem Plattenweg folgt, kommt schon bald zu einem beliebten Rastpaltz, wo Tisch und Bank zur Ruhe einladen. Kurz davor verrät eine Tafel mehr über die Woorker Berge. Kaum zu glauben, dass unter diesen ganzen Hügeln unsere Vorfahren ihren Toten Gräber errichteten und diese anschließend mit Erde bedeckten. Aber so ungewöhnlich wie sie heute in der Landschaft stehen, wird auch klar, dass dies keine natürlichen Erhebungen sein können. 

Ein Platz mit Tisch und Bänken lädt zur Rast
Die gesammte Anlage soll das größte zusammenhängende Hügelgräberfeld in Norddeutschland sein. Wobei angemerkt werden muss, dass von den ursprünglich wohl 18 Grabanlagen, nur noch 13 der Nachwelt erhalten geblieben sind. Örtlich bezieht es sich auf Patzig und Woorke sowie eine alte Wüstung namens Klein Banzelvitz, nordwestlich der Anlage. Die Berge sind etwa 6 Meter hoch vielleicht um die 30 Meter im Durchmesser. Der Hügel der direkt an der Raststätte liegt, scheint - wie eine Zuwegung verrät - gerne genutzt zu werden. Doch das "Herauf" und "Herunter" ist eine echte Herausforderung an die Geschiklichkeit. Erst recht, wenn der Hügel im Herbst von heruntergefallenen Eicheln gesäumt wird, die den Schwierigkeitsgrad noch erhöhen. Immer noch besser als ein pommerscher Landregen, der den Hügel aufweicht und die ausgetretenen Wege zur Rutschbahn werden lässt. Von oben hat man einen schönen Blick über das Land - wobei das Blätterdach der Bäume einen Schutz zu bieten scheint und die fallenden Blätter den Blick bereits auf den Horizont freigeben. 

Die Woorker Berge laden zur Besteigung ein
Die Anlage selbst wird heute der Bronzezeit zugerechnet. Der pommersche Naturforscher Friedrich von Hagenow machte zum Anfang des 19. Jahrhunderts noch 1.239 Hügelgräber auf der Insel aus. Auch wenn der größte Teil dieser alten Zeitzeugen in den letzten 200 Jahren zerstört und geschliffen wurden, um die landwirtschaftlichen Nutzflächen zu vergrößern, so verfügt Rügen immer noch über den dichtesten Bestand im pomerschen Landesteil diesseits der Oder. Registriert und als Bodendenkmale geschützt, sollen noch etwa 560 von ihnen auf Rügen sein. Diese - bei Woorke - sind zweifellos beeindruckend. 

Der Blick durch die Blätter reicht bisweilen zum Horizont
Wer einen Ausflug zu den Woorker Bergen macht, hat im Herbst vor allem noch das Glück die Landschaft zu genießen. Zu unbekannt sind diese Flecken für die meisten Touristen. Ein vergessenes Land. - Zum Glück! 


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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach