Samstag, 10. November 2018

Der 9. November - Zwischen Wahrheit und Lüge

Liebe Rüganer,
manches konnte man zum 9. November lesen, hören oder sehen. In den Medien wurde der gestrige Tag auch zum "Schicksalstag der Deutschen" stilisiert. Die Betrachtung dieses ernsthaften Themas blieb dennoch weitgehend oberflächlich und diente oftmals sogar einer neuen Legendenbildung...

Wer hätte das gedacht?

Nehmen wir zum Beispiel den 9. November 1918. Gegen 14.00 Uhr saßen damals Friedrich Ebert und der SPD-Staatssekretär Philipp Scheidemann in der Kantine des Reichstages. Plötzlich kamen einige ihre Parteigenossen hereingestürmt und waren ganz aufgeregt. Es kursierten Gerüchte, dass die extreme Linke einen Umsturz plante. Friedrich Ebert, der gerade zwei Stunden zuvor das Amt des Reichskanzlers übernommen hatte, blieb gelassen und verharrte in der Kantine. Scheidemann aber sprang auf, eilte zur Bibliothek im ersten Stock, kletterte auf die Balkonbrüstung und sah sich plötzlich einer erregten Menschenmenge gegenüber. In dem Ansinnen diese zu beruhigen, sprach er die Worte: 

"Arbeiter und Soldaten! Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das Alte, Morsche ist zusammengebrochen. Der Militarismus ist erledigt. Die Hohenzollern haben abgedankt. Es lebe die Deutsche Republik!"

Dumm nur, dass zu diesem Zeitpunkt weder der SPD-Parteivorsitzende und frisch gebackene Reichskanzler Friedrich Ebert, der in der Kantine des Reichstags noch seine Suppe löffelte, von dem Ausruf einer Republik, noch der Kaiser, von seiner eigenen Abdankung, wussten...

Die Zeitung "Neues Deutschland" vom 9.11.1968 wusste allerdings noch von einem anderen Ereignis am 9. November 1918 zu berichten:

„Unter unbeschreiblichem Jubel der Volksmenge wird am Mast der Kaiserstandarte die rote Fahne gehisst. Von dem Balkon des Schlosses ruft Karl Liebknecht die Sozialistische Republik Deutschland aus...“

Wahrheit oder Legende? Heute nimmt man an, dass Karl Liebknecht gar nicht auf dem Balkon war. Wenn man den Berichten von einigen Berliner Zeitungen vom 9. November 1918 glauben mag, dann könnte die Ausrufung der "Sozialistischen Republik Deutschland" wohl auch um 16 Uhr von dem Dach eines Autos oder von einem der Fenster des Schlosses aus erfolgt sein. Das sorgte auch bei Historikern für Irritationen. Doch dieser Widerspruch focht die Sozialistsche Einheitspartei Deutschland (SED, heute "Die Linke") nicht an. Während sie das Berliner Stadtschloß in die Luft sprengen ließ, um Platz zu haben, damit das Volk an der Führung vorbeimaschieren kann, wurde das Portal IV des Schlosses zur sozialistischen Ikone. Das sogenannte "Liebknecht-Portal" wurde umgesetzt und das DDR-Staatsratsgebäude drum herum gebaut...   

Ein Lastauto, mit revolutionären Matrosen und Soldaten besetzt, fährt durch das Brandenburger Tor.
(Foto: Bildautor unbekannt / Bundesarchiv / unverändert, CC-BY-SA 3.0 )
Die nachträgliche Legendenbildung trieb wohl auch auch Adolf Hitler, den "Größten Feldherrn aller Zeiten" ("Gröfaz"), mit seinem Rückblick auf den 9. November 1923 (den sogenannten "Hitler-Putsch") an. Denn dieser war eigentlich nicht nur ein historischer Zufall sondern in seinem Ergebnis ein totales Fiasko seiner Akteure: 

Nachdem die "nationale Revolution" bereits am Vortag im Münchner Bürgerbräukeller gescheitert war, bewegten sich nun also die Putschisten marschierend in Richtung des Marienplatzes. Nur mussten sie hier schließlich feststellen, dass dieser bereits mit Menschen wegen einer anderen Kundgebung überfüllt war. Und: Auf einen Hitler wartete die Menschenmenge auch nicht! Selbst der Blick der Putschisten fiel in diesem Moment nicht auf Hitler, sondern stattdessen auf den ranghöchsten Weltkriegssoldaten, den General Erich Ludendorf. Als der nun nach links in die Weinstraße einschwenkte, also Richtung Feldherrenhalle, folgten ihm die Putschisten. Es war eine spontane und folgenschwere Entscheidung! Letztlich endete sie in den Gewehrsalven der bayrischen Landespolizei und im totalen Desaster. Der schon erwähnte Hitler (und spätere "Gröfaz") wurde so beim Sturz seines tödliche getroffenen Nebenmannes mit auf das Pflaster herunter gerissen und kugelte sich dabei auch noch die Schulter aus. Am liebsten wäre er wohl selbst in diesem Augenblick gestorben. Deutschland wäre damit sicher einiges erspart geblieben! Doch es kam anders: Der "Marsch nach Berlin", der bereits an der Münchner Feldherrnhalle endete, erfuhr seine spätere Umdeutung zur "Bluttaufe" einer Bewegung, die mit ihrem politischen Auftrieb die Ereignisse, die auf den Tag genau 15 Jahre später stattfanden, nach sich zog...

Die Übergriffe am 9. November 1938 auf jüdische Mitbürger, wurden (nach dem Attentat von Herschel Feibel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath) als "spontaner Ausbruch des Volkszorns" in den bereits gleichgeschalteten Medien umgelogen. Bis heute ist das wahre Ausmaß der sogenannten "Reichskristallnacht" sowohl in Bezug auf ihre Opfer, das Leid als auch die dabei verursachten Schäden unbekannt. Denn: Alle offiziellen Zahlen dazu wurden von staatlicher Seite erhoben und eine unabhängige Berichterstattung gab es längst nicht mehr. Was wir dagegen wissen: Dies war das Wetterleuchten für eine Apokalypse, die nicht nur unsere heutige Vorstellungskraft sprengt, sondern auch in einem  Zusammenbruch und einer Zerrissenheit unseres Landes endete, die bis heute wirkt...

Günter Schabowski stand am 9. November 1989 den in- und ausländischen Journalisten Rede und Antwort.
(Foto: Lehmann, Thomas / Bundesarchiv / unverändert, CC-BY-SA 3.0 )
Dass sich nach all diesen Ereignissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit jenem 9. November 1989 noch eine positive Zeitenwende verbinden würde, war nach dem zweiten Weltkrieg und der Teilung Deutschlands wohl kaum zu erahnen. Diesmal wurde sie übrigens von einem gebürtigen Anklamer eingeleitet: Günter Schabowski. In seiner neuen Funktion als Sekretärs des ZK der SED für Informationswesen verlas er vor der Presse:

„Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen...“
 
Als er im Anschluß auf die Nachfrage des Journalisten Peter Brinkmann, wann dies in Kraft treten würde, antwortete, dass es nach seiner Kenntnis "ab sofort, unverzüglich" stattfinden würde, löste er damit - die Nachrichtenagenturen interpretierten seine Aussagen in ihren Meldungen als "Grenzöffnung" - eine Massenbewegung zu den Grenzübergangsstellen - und schließlich die Maueröffnung - aus...

Der 9. November lag damit als historisches Datum in seiner Reflektion in einer Bandbreite zwischen Wahrheit und Lüge. Dabei erfuhr er zahlreiche Neuinterpretationen. Sie waren und sind oft politisch motiviert. Allerdings werden Vereinnahmungen historischer Ereignisse dem ursprünglichen Geschehen nicht gerecht. Die damit vollzogene Aufladung, wie sie sich in den Jahren zwischen 1933 und 1989 vollzog, blieb nicht wirkungslos. Sie führte bei gleich fünf historischen Ereignisen um den 9. November zu recht unterschiedlichen Gewichtungen und die mit ihr verbundenen Legenden werden immer noch weiter erzählt. Einige dieser haben sich dadurch weitgehend vom realen Ereignis abgekoppelt.

Was bleibt als Fazit? Rechtstaatlichkeit, freie Meinungsäußerung und unabhängige Berichterstattung sind ein gutes Fundament für eine Gesellschaft, leider sind auch sie heute wieder mehr als bedroht. Am Anfang steht meist eine Lüge!

Das macht nachdenklich.
Hans Hegel

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