Samstag, 3. November 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (37)

Die St.-Margarethen-Kirche in Patzig auf dem Kirchhügel
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Vielen dürfte das Ziel unseres heutigen Streifzuges über die Insel bestens bekannt sein: Patzig. Und dies ist kein Wunder, denn seit der Sperrung der Straße zwischen Ralswiek und Bergen fahren viele Rüganer hier nahezu tagtäglich durch den Ort, weil sie so die nicht befahrbare Strecke über Thesenvitz-Patzig-Gnies-Ralswiek zu umgehen suchen.
Die Motorgetreidemühle am Ortseingang aus Richtug Thesenvitz
Erst kürzlich hatten wir die Woorke und die Woorker Berge besucht und waren schon auf einige Dinge aufmerksam: Wer sich aus Thesenvitz dem Ort nähert, dem fällt natürlich gleich die Motorgetreidemühle am linken Straßenrand auf. Wie das Gebäude selbst verrät, wurde die Mühle hier 1946 eingerichtet und soll gewerblich bis 1999 zum Mahlen des Getreides gediehnt haben. Dann wurde sie als technisches Denkmal einer "Mühle ohne Flügel" betrieben und der Öffentlichkeit als Museum mit den Technik aus der ersten und zweiten Hälte des 20. Jahrhunderts zugänglich gemacht. Leider war die Resonanz nicht so, wie es vielleicht zunächst erhofft wurde, so dass das Museum im Jahre 2014 schloß.
Gutshaus des Gutes Wostrovitz - einst ein Ortsteil, heute mitten im Ort
Wer die Straße weiter verfolgt, sieht schon bald, die östliche Erhebung des Geländes. Dieses steigt bis auf 56 Meter - die sogenannten Heideberge - an. Sie liegen in einem Sandgebiet. Wer sie als Wanderer in Richtung Osten überquert, gelangt direkt nach Jarnitz. Westlich der Heideberge dampfte dagegen einst zu deren Füßen die Kleinbahn. Von Bergen ging es früher einmal u.a. über Thesenvitz, Patzig, Kartzitz, Zirmoisel, Trent bis hin zur Wittower Fähre. Die Station an der das Dampfroß in Patzig zum Stehen kam, hieß übrigens "Gut Patzig". Wobei auch diese Bezeichnung trügt, denn der Ort des Gutes (Wostrovitz) ist erst später in Patzig aufgegangen.

Giebel des Gutshauses in Patzig, das nach 1945 Wohnunterkunft war und auch als Schule genutzt wurde
Die Eigentumsverhältnisse wechselten. So werden u.a. die Familien von Mellin, von Feldberg oder von Smiterlöw genannt. Das noch heute stehende Gutshaus wurde 1867 errichtet. Von 1888 bis 1945 soll es im Besitz der Familie Friedrichs gewesen sein. Dann wurde das Gebäude, wie viele andere Gutshäuser nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, zur Unterbringung von entwurzelten Familien jenseits der Oder und als Schule genutzt. Derzeit steht das Gebäude leer und ist, im Gegensatz zu den vielen neu gebauten Häusern des Umfeldes, in einem sehr schlechten Bauzustand.
Seitenblick auf die Kirche - von der Bergstraße aus
Patzig selbst hatte seit dem Mittelalter zentrale Bedeutung. Dies ergab sich zunächst durch den Sitz der Gardvogtei und später durch den Zuzug von Handwerkern und Kaufleuten. Zudem verrichteten viele Einwohner auch Dienste in den umliegenden Gütern. Auch bedingt durch das Gotteshaus auf dem Kirchhügel war Patzig für die umliegenden Dörfer über Jahrhunderte von Bedeutung. Die ältesten Grabplatten tragen dort die Jahreszahl 1339 (Petrus de Pacecke). Allerdings soll die Errichtung der ersten Kirche sogar auf das Jahr 1318 zurück gehen. Davon ist allerdings nichts geblieben.
Südseite der Außenwand des Chores
Der Aufstieg zur Kirche erfolgt heute zu Fuß über einen Weg, der am rechten Straßenrand beginnt. Schon von weitem ist das Gebäude sichtbar. Der älsteste Teil des Kirchenbaus ist der Chor, den man direkt über den westlichen Zugang erreicht. Er wurde wohl bis 1466 errichtet. Schiff und Sakristei folgten. Um 1500 dann auch ein Turm. Ob nun aber dieser "bretterne Thurm" 1625 umgeworfen wurde oder es sich dabei lediglich um den Turmhelm handelte, wüssten wohl nur die Backsteine des Gotteshauses zu berichten, die auf den behauenen Feldsteinen aufgeschichtet wurden.
Der Altar der Patziger Kirche - Im Mittelpunkt: Die heilige Margaretha
Das innere der Kirche ist in schlichtem weiß gehalten, wie in so vielen der alten Backsteinkirchen auf der Insel Rügen. Die Decke selbst wird von einem Kreuzrippengewölbe geprägt. Die Schlichtheit wird von einem Schnitzaltar überstrahlt. Er ist zentral der Heiligen Magaretha gewidmet. Ihr zur Seite stehen 12 Apostel. bekrönt wird das Kunstwerk von einem Kamm mit der Inschrift: "aue. sancta. margreta. ora p" Dieses wiederum wird unterbrochen von drei kleinen Wappenschildern. Darüber das abschließende Kreuz.

Einst Teil des Patziger Altars
In diesem Zusammenhang könnte man noch ein Bild erwähnen, dass die Erweckung der Tochter des Jairus zeigt. Es wurde 1889 nach C. Richter kopiert und wurde mit Öl auf Leinen gemalt. Zwischen 1890 und 1936 diente es als Altarblatt eines Altaraufsatzes.

Die Kanzel aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts
Auf der anderen Seite, links vor dem Chor befindet sich die Kanzel aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beim Blick von dieser zum Eingangsbereich fällt die Orgel auf. Sie wurde von der Stralsunder Werkstatt Nerlich und Haase im Stile der Neugotik gefertigt und 1999 restauriert.


Blick zur Orgel aus der Stralsunder Werkstatt Nerlich und Haase
Eher unbekannt dürfte sein, dass hier der Schwede Jakob Wallenius (1761-1819) von 1810 bis zu seinem Tod Pastor der Gemeinde war. Übrigens: Der Gottesmann gehörte auch zur Greifswalder Freimaurer-Loge "Zu den drei Greifen". Aber das ist eine andere Geschichte...


---

Weitere Beiträge aus der Reihe "Zwischen Sund und Kap Arkona" mit den Orten von A-Z:

Altenkirchen (32) /Kap Arkona (4) / Baaber Heide (12)Bergen (9) / Boldevitz (2)  / Dumgenevitz (18)  / Garz (10) / Groß Stresow (15)  / Groß Schoritz (14) / Lancken-Granitz (22) /  Lauterbach (13) / Maltzien (32) / Middelhagen (24) / Nadelitz (29) / Neukamp (21)Neu Mukran (8)Pansevitz (17) / Patzig (37) / Plüggentin (35) / Posewald (16) Ralow (3) / Rugard (7) / Ruschvitz (31) / Samtens (34) / Semper (5) / Silvitz (27) / Spycker (11) / Streu (20)Swantow (1) / Thiessow (25) / Üselitz (19) / Venz (6) / Vilmnitz (28) / Waase (30) / Woorke (36) / Zirkow (26)

Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach