Samstag, 22. Dezember 2018

Schon gelesen? (40) Die Zeitschrift "POMMERN"

Titelbild der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "POMMERN"
Seit diesem Jahr begleiten wir die Zeitschrift "POMMERN" bei Ihrem Neustart unter dem Dach des Pommerschen Greif e.V. Sicher kann man die Fortsetzung dieser Schriftreihe, die auch Dank der Unterstützung aus dem Vorpommernfond möglich wurde, als gelungen und geradezu geräuschlos bezeichnen. Inhaltlich haben die aktuellen Ausgaben auch für manche Überraschung gesorgt. So ist es auch diesmal...

Die gerade eingetroffene Zeitschrift eröffnet inhaltlich mit Oscar Achenbach (1868-1935). Der Geburtstag dieses Stettiner Künstlers jährt sich am 31. Dezember diesen Jahres zum 150. Mal. Grund genug, um ihm in der Stadt Barth eine Ausstellung zu widmen und sein Werk auch in dieser Ausgabe zu reflektieren. Wie Gerd-Helge Vogel, der Autor, dem wir die Zeilen dazu verdanken, zu berichten weiß, wurde Achenbach durch den schweizer Professor Eugen Bracht (1842-1921) dazu angehalten, sich der Freilichtmalerei und dem Impressionismus zuzuwenden. Und so ist es kein Zufall, dass viele der gemalten Bilder von Achenbach den Versuch machen, einen optischen Moment enzufangen, der eine Impression des Alltags glaubwürdig werden lässt. Im Vineta-Museum Barth, wo die Achenbach-Ausstellung "Ein Stettiner in Barth" gezeigt wird, trifft der Künstler dabei auf Louis Douzette (1834-1924). Dabei gibt es zwischen den beiden pommerschen Malern Ähnlichkeiten und Parallelen zu entdecken. Autor Gerd-Helge Vogel dazu:

"Beide Maler fußten in ihrer Kunst auch auf grundsätzlich realistische Positionen. Sie sahen sich bedingungslos der Wahrhaftigkeit gegenüber der Landschaft, die sie beobachteten, verpflichtet und gaben sie so wirklichkeitsgetreu wieder, ohne dabei ins kleinliche Detail zu verfallen..."

Ein Stettiner in Barth: Oscar Achenbach
Auch in dieser Ausgabe kommen wieder Freunde der Architektur auf ihre Kosten. So betrachtet Steffen Orgas ab Seite 11 das "Gotische Giebelhaus" in Anklam und zeichnet neben der Geschichte auch die baulichen Veränderungen an der Fassade (sogar farblich) nach. Dies ermöglicht Detektiven der Vergangenheit auch heute noch, Schlußfolgerungen und die Beantwortung der eingangs durch den Autor selbst gestellten Frage, ob die Bezeichnung "Gotisches Giebelhaus" überhaupt zutreffend wäre. Ihm schließt sich in der aktuellen Ausgabe Edda Gutsche an, die in ihrem Beitrag "Zuhause in Pommern, Berlin und Brandenburg" auf den Bildhauer Wilhelm Groß (1883) zu sprechen kommt. Der Schlawer wurde vor 135 Jahren geboren. er, ein Künstler, der Kontakte zu Max Beckmann, Ernst Barlach und Max Klinger unterhielt, hat zahlreiche Werke für pommersche Kirchen geschaffen. Doch obgleich geistliche Themen sein späteres Werk dominieren sollten, gab es auch Auftragsarbeiten, die bis heute Erwähnung finden - wie den Hansabrunnen auf dem Rathausvorplatz von Rügenwalde, der einst durch die Reederei Hemptenmacher gestiftet wurde. Wie auch schon bei Achenbach und Douzette wurde der Bildhauer Groß vom Expressionismus stark beeinflußt. 

Blick auf die Karte vom "Rügenhafen"
Für viele Rüganer dürfte vor allem der Artikel "Rügenhafen" von Wolfgang Klietz Interesse wecken. In diesem beachtenswerten Beitrag zu den Planungen rund um den Großen Jasmunder Bodden - der neben dem hier zu errichtenden großen Hafen auch die Ansiedlung von etwa 100.000 Menschen auf Jasmund (genauer in der Fiktion gebliebenen "Friedensstadt") vorsah - geht er nicht nur detailiert auf das Bauvorhaben ein, sondern bringt auch einen Teil der zugänglichen Papiere des "Information Reports" der CIA dem Leser zur Kenntnis. Dieser lässt keinen Zweifel daran, dass der amerikanische Geheimdienst (trotz zahlreicher Sicherheitsmaßnahmen!) bestens zu den Vorgängen auf der Insel Rügen informiert war und sein Wissen (soviel darf vermutet werden) offensichtlich mit dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" teilte. Klietz geht inhaltlich auf deren Berichte zum Rügenhafen ein, macht aber auch klar, dass sich die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit dem Projekt sehr ehrgeizige Ziele gesetzt hatten. Das Vorhaben war ohne Vergleich und am Ende - wie wir heute wissen - nicht durchsetzbar. Dabei mögen die politische Stimmung und die Rahmenbedingungen beigetragen haben, denn die Bauzeit des Rügenhafens, dessen offizielle Bezeichnung u.a. "Handelshafen Jasmunder Bodden" oder "Fischereinotschutzhafen und Kanalbau Bodden" waren, fiel in die 50er Jahre. Als am 17. Juni 1953 der Volksaufstand in der DDR losbrach, gab es auch auf Rügen reichlich Unmut bei den 10.000 Bauarbeitern und 5.000 Strafgefangenen, die das Projekt "Rügenhafen" realisieren sollten. Wolfgang Klietz beschreibt die Verhältnisse so:

"...Die Situation eskalierte, als sie mittags zum C-Lager zogen, um die Gefangenen zu befreien. Doch dort waren bereits 3.000 Volkspolizisten aufmarschiert. Zu Auseinandersetzungen kam es, als Streikende zur Beuleitung marschierten..."

Die CIA scheint bestens über das militärische Großprojekt Rügenhafen" informiert...

Ein weiteres Großprojekt auf der Insel liegt nur unweit davon, im Süden der Halbinsel Jasmund. Reinhold Rosenthal hat eine kleine Nachbetrachtung zum Bau des Hafens Sassnitz-Mukran verfasst, die so sicher auch noch nicht zu lesen war. Dabei wendet sich der Autor des Beitrags, der auf Seite 32 beginnt, der Entwicklung der fernmeldetechnischen Versorgung zu. Das es sich dabei um eine echte Herausforderung handelte, wird klar, wenn der Leser u.a. erfährt, dass die Ortsvermittlungstechnik in der Kreisstadt Bergen noch aus den 20er Jahren stammte und weder anpassungs- noch erweiterungsfähig war. Rosenthal versucht den dabei notwendigen Aufwand zur Modernisierung der Fernmeldetechnik auf der Insel Rügen u.a. mit Planungsdokumenten zu verdeutlichen und hat auch noch zeitgeschichtlich wertvolle Fotos aus den 80er Jahren zur Dokumentation beigesteuert.

Ein unbekanntes Thema: Die Fernmeldetechnik und der Hafen Sassnitz-Mukran
Außerdem gibt es in dieser aktuellen Ausgabe auch Wissenswertes über die Einwanderung von Schotten und Engländern nach Pommern (in einem Beitrag von Karl-Heinz Schroeder) und über den Geheimrat Zeysing und die Anfänge der preußischen Flotte (in einem Artikel von Gottfried Loeck), die ja ihre Wiege am Strelasund hatte, zu lesen. Beide Abhandlungen hätten sicher auch einige nähere Betrachtung verdient gehabt. Ähnlich ist es mit dem Beitrag "Weihnachten im Land am Meer" von Ines Kakoschke, bei dem es um die Abläufe der Vorweihnachtszeit und das Weihnachtsfest selbst geht. Nicht ganz so friedlich, wie dort beschrieben, geht es in dem Artikel auf Seite 19 zu. Dirk Schleinert rekonstruiert hier (nach umfangreicher Recherche aus dem ihm zur Verfügung stehenden Archivmaterial) die Erstürmung des Zollhauses und der Stadt Greifenhagen an der Oder durch die Schweden zu Weihnachten 1630.

Um Tradition und Brachtum geht es bei "Weihnachten im Land am Meer"
Abschließend wird in dieser Ausgabe noch an Isabel Sellheim (1929-2018) und ihre Bindung zur Heimatstadt Stolp erinnert. Ihr Wirken im kulturellen Leben der Stadt unterstrich sie auch mit ihrem Umzug von Frankfurt am Main nach Stolp, wo sie nun am 30. August diesen Jahres verstarb. Der hochgeschätzten Bürgerin aus Hinterpommern wurden für ihren persönlichen Einsatz um den Erhalt von Kunst- und Bauwerken ihrer Heimatstadt auch zahlreiche Würdigungen zu Teil, wie die pommersche Ehrennadel (2000), die Ehrenbürgerschaft der Stadt Stolp (2010) oder die Ernst-Moritz-Arndt-Medaille (2015). Das Wirken der Stolperin wird dabei noch einmal detailiert von Elsbeth Vahlefeld nachgezeichnet.

Die Zeitschrift "POMMERN" wird, seit dem Frühjahr diesen Jahres vom Pommerschen Greif e.V. - dem Verein für pommersche Familien- und Ortsgeschichte herausgegeben. Sie ist unter der ISSN 0032 4167 registriert. Die Redaktion liegt bei Dr. Jana Olschewski aus Katzow und Dipl.-Nordist Heiko Wartenberg aus Greifswald. Wir können die Zeitschrift, die vier Mal im Jahr erscheint, für alle an der pommerschen Kultur und Geschichte Interessierten empfehlen. 

Zur aktuellen Internetseite der Zeitschrift "POMMERN" mit Bestellmöglichkeit
  
---

Weiterführende Links zu "Schon gelesen?"   
(44) "Rügen, du bist mir so nah..." / (43) "700 Jahre Stadt Garz" / (42) "Nackt zwischen Dornen" / (39) "Über den Schöpfer der Pomerania..." / (38) Die neue Zeitschrift "POMMERN" / (37) "Schlaflose Nächte garantiert!" (36) "Die aktuelle Zeitschrift POMMERN"(35) "Die Inselgeschichte..." / (34) "Äten un Drinken..." / (33) Die Zeitschrift "POMMERN" / (32) "Über pommersche Malerinseln" / (31) Die Zeitschrift "POMMERN" / (30) "Die Prinzessin auf dem Baume" (29) "Über Gefäße..." / (28) "Hinterm Holunderbusch..." / (27) "Das erste Seebad der Insel..." / (26) "Über eine tote Frau am Strand..." / (25) "Rezepte für jede Gelegenheit..." / (24) "Rügen damals" / (23) "Nackte Tatsachen" / (22) "Pommersche Weihnacht" / (21)"Liebe geht durch den Magen" (20) "Auf Normal- und Breitspur über die Ostsee" / (19) "Naturerlebnis Kranichzug" (18) "Kleinbahnreise über die Insel Rügen" - Bd. 2 (17) "Geisteskinder" / (16) "Hiddensee - Bilder und Texte von damals" (15) / "Merkel eine kritische Bilanz" (14) / "Grüße von der Ostsee" / (13) "Lenins Zug" / (12): "Rügens geheime Landzunge" / (11): "Rügen - (k)ein Wintermärchen" / (10): "Caspar David Friedrich" / (9): "Boldevitz" / (8): "Sagen und Geschichten von der Insel Rügen" / (7): "Rugia Jahrbuch" / (6): Schicksale / (5): "Rügen Outdoor" / (4): Schicksale / (3) "Die Putbusser" / (2): "Pommerland" / (1): "Garz"