Mittwoch, 30. Januar 2019

Unter Strom? Die Energiewende und das Esel-Taxi


Liebe Rüganer,
mit der Energiewende ist das so eine Sache: Denken wir nur an die E-Mobilität. Und das ist auch nicht ganz falsch, denn: Um 1900 gab es in Vorpommern bereits einen Hersteller von Elektrofahrzeugen. Die Stoewer-Werke. Übrigens: Deren Elektrofahrzeuge wurden damals nicht nur für die Industrie sondern auch für das Verkehrs- und Rettungswesen (mit einer Produktpalette vom Feuerwehrauto bis zum Omnibus) gebaut. Sie fuhren bereits mit Akkus. Allerdings konnte der Elektroantrieb sich letztlich auf Grund der geringen Reichweite nicht gegen den "Diesel" oder "Benziner" durchsetzen, weshalb man dann auch nur noch Autos mit Kraftstoffmotoren produzierte...

Anders als auf den Straßen sah es dann allerdings auf den Schienen aus. Etwa zur gleichen Zeit wie die Elektro-Autos (um das Jahr 1900) in Vorpommern in den Blickpunkt traten, begann man beispielsweise in Stralsund mit dem Bau von elektrischen Straßenbahnen (mit zwei Linien). Am 24. März 1900 erfolgte die feierliche Eröffnung. Am Tag darauf begann der Betrieb nach Fahrplan. Fahren sollten sie (laut "Stralsundischer Zeitung") von 7.00 bis 19.00 Uhr. Und das klappte - von zwei Unterbrechungen (1922 und 1944) mal abgesehen - ganze 66 Jahre! Dann wurden sie gegen Omnibusse eingetauscht, die seither ihre Abgase in die Stadt und unsere Nasen blasen.

Der letzte große Baustein der Rolle rückwärts, die sich nun schon über Generationen bei der Energiewende vollzieht, könnte aber wohl bald den Schienenverkehr auf den Fernverbindungen betreffen: Was, wenn die in den 80er Jahren elektrifizierten Strecken (immerhin die Hälfte aller Strecken in unserem Land) nun Stück für Stück stillgelegt oder aber E-Loks gegen Gasturbinenlokomotiven eingetauscht werden? Warum? Weil der Strompreis so teuer geworden ist, dass wir uns nicht mal mehr die Mobilität leisten können.

Also: Kein Diesel. Kein Benzin. Und Elektroenergie ist zu teuer! Eines scheint klar: Leider kommen die Elektrobahnen der Rügener Sightseeing Trans Rügen GmbH für uns etwa einhundert Jahre zu spät. Und auch die Idee von Holzgasautos (wie im letzten Krieg), die das frisch geschlagene Holz der Stubnitz in mobile  Energie verwandeln könnten, muss wegen dem hohen Anteil von Kohlenmonoxid und Methan im Holzgas zurückgewiesen werden.  Aber: Wie könnte man den Nahverkehr trotzdem realisieren? Ein ganz pfiffiger Vorschlag erreichte uns dazu jüngst aus Rheinland-Pfalz. Dort werden derzeit zwei Esel gesucht, um eine Esel-Zucht zu begründen. Diese soll die Grundlage für sogenannte "Esel-Taxis" (das ist kein Scherz!) bieten. Ob diese dann über die "Uber"-App gebucht werden können, ist noch abzuwarten. Im Zweifel sollte dies aber auch mit Trommeln oder Rauchzeichen möglich sein, falls man sich das Aufladen der Handys nicht mehr leisten kann oder das europäische Stromnetz (wie Anfang 2019 fast geschehen) zusammenbricht.

Energiewende vor über 100 Jahren in Vorpommern: Das E-Mobile "Stoewer Type 15"
Der Minister für Energie, Infrastrukutur und Digitalisierung, Christian Pegel (SPD), hat übrigens bei der 57. Landtagssitzung in der letzten Woche festgestellt, dass er an den hohen Strompreisen in Mecklenburg-Vorpommern auch nichts ändern könne. Schuld daran wäre schließlich der Bund und nicht das Land. Und wer als Bürger der Debatte um teure Strompreise unter Tagesordnungspunkt 34 folgte, konnte sogar weitere Wissenslücken schließen. Denn: Dr. Mignon Schwenke von der Partei "Die Linke" erklärte, warum die Stromsteuer zusätzlich die Preise verteuerte:

"Die Stromsteuer ist mal eingeführt worden, 
um den Strompreis künstlich zu erhöhen, damit er nicht zu billig ist." 

Gut. Das haben wir verstanden! Und damit nicht doch noch jemand auf die Idee kommt, sein Handy tägich aufzuladen oder Fernsehen zu schauen, werden die Stromrechnungen für Großunternehmen in unserem Land von den kleinen Stromabnehmern (Privathaushalte und Kleinunternehmen), gleich mitbezahlt. Immerhin: 2.107 private Haushalte spielten da 2017 (laut einer kleinen Anfrage) nicht mehr mit! Bundesweit soll ihre Anzahl übrigens laut FAZ bereits 2014 bei über 350.000 privaten Haushalten gelegen haben. Bei ihnen kam es zu Zwangsabschaltungen...

Das hat durchaus Vorteile! Denn die Zwangsabschaltungen schaffen auch zwei Klassen von Bürgern: Die, die die steigenden Stromrechnungen (sowie Mieten) nicht mehr zahlen können und die, die es noch können. Die, die sich Mobilität nicht mehr leisten können und auf einen Personennahverkehr (zum Beispiel mit Eseln) angewiesen sind und die, die sich den "Spaß" der Mobilität ("mein Maserati fährt 210...") noch erkaufen können. Praktisch ist dabei, dass das mobile Internet und das Internet aus der Dose mit zunehmenden sozialen Verwerfungen durch die Energiewende auch immer schneller wird. Und das, obgleich nicht ein Politiker zum ersten Spatenstich für einen DSL-Netzausbau ansetzte. Die Lösung ist komplex: Teuerer Strom schafft schnelles Internet. Oder etwas populistischer: "Der teuerste Strom der Welt schafft dass schnellste Internet der Welt." Unsere Marktwirtschaft agiert also nach der Formel: Nicht Wohlstand für alle, sondern: Für wenige!

Energiewende vor über 100 Jahren in Vorpommern: Stralsunds E-Straßenbahn beförderte viele Millionen Fahrgäste
Und für alle, denen noch kein Licht aufgegangen ist:

Wer den Stromschalter nicht mehr umzulegen vermag, beginnt einfach wieder mit Kerzen Licht zu erzeugen. Das wird in Wohnungen jedoch vielleicht nur noch heimlich möglich sein. (Lassen Sie die Jalousie jetzt besser runter!) Denn: Kerzen verbrauchen nicht nur Sauerstoff. Sie erzeugen auch Feinstaubpartikel und bedenkliche Gase. Sollte ein Nachbar also eine brennende Kerze durch das Fenster entdecken, könnte er schon bald die Polizei alarmieren. Schließlich ist dies eine Frage der nationalen Sicherheit. Selbstverständlich! Und wenn die Polizisten nicht gerade auf dem Fahrrad unterwegs sind, um "Esel-Taxis" zu "blitzen", müssen sie eben auch kleine Umweltvergehen ahnden. 

Oder doch nicht? Nun konnten wir erfahren, dass gekaufte Grablichter mit LED-Lämpchen die Entsorgungskosten auf den Friedhöfen explodieren lassen. Da diese Kosten aber auf die Toten umgelegt werden (man ruht hier für gewöhnlich etwa 30 Jahre), kann man sich die rasanten Preisanstiege (nachdem man tot ist) schon mal in Ruhe durchrechnen. Wie man sieht, bedürfen auch unsere Testamente mit der Energiewende einer Anpassung, wie: "...von Grablichter mit LED-Lämpchen bitte ich Abstand zu nehmen." Da können wir allerdings nur noch auf die Einsicht unserer Hinterbliebenen hoffen. Wer weiß? Vielleicht greifen sie ja selbst wieder auf klassische Grablichter zurück. Wenn diese dann abgebrannt sind, sollten sie aber besser Hülle und Metalldeckel daheim in den eigenen gelben Sack tun. Oder: Man legt in den Friedhofsordnungen fest, dass die Kerzen auf Friedhöfen nur noch zum Geburtstag (das muss geprüft werden!) oder zu Weihnachten abgebrannt werden dürfen.

Übrigens sollen bereits geheime Papiere zur Strommindestabnahme kursieren. Wenn diese also drastisch beim Verbraucher gegen "0" fällt, weil private Haushalte nun beginnen ihren Strom radikal zu sparen, muss auch der Staat noch einmal nachsteuern. Nicht um das Weltklima zu retten, sondern um die letzten Industriekapitäne des Exportweltmeisters im Lande zu halten. Nach diesen unbestätigten Meldungen soll dann eine Zwangsabnahmepauschale für Strom greifen, die sich (wie beim Wasser) am Durchschnittsverbrauch orientiert. Diese muss dann, unabhängig vom Verbrauch, bezahlt werden. Stromlose Maschinen (wie handbetriebene Kaffemühlen oder fußbetriebene Nähmaschinen von den Vorfahren) dürfen bei Hausdurchsuchungen verplombt oder beschlagnahmt und zerstört werden. Schließlich geht es ja darum, dass mit den Stromrechnungen auch die Umlagekosten für die Großunternehmen weiter übernommen werden...

Energiewende? - Wir schaffen das!
Hans Hegel

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