Dienstag, 29. Januar 2019

Zum 195. Todestag von Joachim Nettelbeck

Der Kolberger Bürger Joachim Nettelbeck (20.09.1738-29.01.1824)
Kolberg (PA). Als Joachim Nettelbeck am 29. Januar 1824 aus seinem Leben trat und zu Grabe getragen wurde, hatte man gerade in Preußen begonnen die ersten Briefkästen aufzustellen. Ein neues Zeitalter war angebrochen. Als unsicher galt, ob und wie man sich an ihn erinnern würde...

Auf seinem Grabstein soll gestanden haben:

"Hier ruht der Bürger Joachim Nettelbeck aus von den Stürmen seines bewegten Lebens."

Und in der Tat! Schon mit 11 Jahren war der am 20. September 1738 geborene Kolberger "ausgebüxt", um die große Welt zu sehen. Eigentlich war der kleine Mitreisende seines Onkels nur Dank einer Ausnahme nach Amsterdam mitgesegelt, doch hier schlich er sich einfach auf den holländischen Segler eines Sklavenhändlers und fand sich schon bald auf den Weiten des Ozeans wieder. Diese Fahrt dürfte ihn nachhaltig geprägt haben...

Wie Ernst Moritz Arndt, Franz Mehring oder Arnold Ruge war auch der später zum Volkshelden verklärte pommersche Bürger Joachim Nettelbeck nicht unumstritten. Heute wird so zum Beispiel an seinen Fahrten auf holländischen Sklavenschiffen Anstoß genommen, von denen er später selbst in seinen Lebenserinnerungen berichtet. Zwar war der Kolberger der erste Preuße, der mit dem Patent eines Königlichen Schiffskapitäns ausgestattet wurde und hatte einen guten Ruf als Seemann, doch Bekanntheit erlangte Joachim Nettelbeck erst nachdem er in seiner pommerschen Heimatstadt sesshafter Bürger wurde. 

Vor allem die Jahre 1806 / 1807 waren dafür folgenreich: Als Franzosen und Polen vor Kolberg in Stellung gingen, ist es Joachim Nettelbeck, der die Übergabe der Stadt Kolberg als Ratsherr zu verhindern weiß. Mit dem am 29. April 1807 eingetroffenen neuen preußischen Festungskommandanten Major Gneisenau gelang ihm die erfolgreiche Organisation der Verteidigung der Festung Kolberg. Zur Hilfe kam ihnen dabei allerdings auch der Waffenstillstand zwischen Preußen und Frankreich. Er beendete den Kampf um die Stadt an der Ostsee am 2. Juli 1807. 

Nettelbeck sollte später als Dank für seinen nicht ungefährlichen Einsatz vom preußischen König ein persönliches Anerkennungsschreiben, eine Ehrenmedaille und eine jährliche Pension beziehen. Zudem erhielt er die Genehmigung, eine Admiralsuniform zu tragen. Er selbst begann im Alter seine bereits erwähnten Lebenserinnerungen zu schreiben.

Erst weit nach seinem Tod begann man im Jahre 1887 in Joachim Nettelbecks Heimatstadt Kolberg von Seiten der Bürgerschaft für ein Denkmal zu sammeln.  Im Jahre 1901 erhielt der Bildhauer Georg Meyer-Steglitz schließlich den Auftrag zu dessen Ausführung. Seine Enthüllung an der Marienkirche erfolgte am 2. Juli 1903 in Gegenwart des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen.

Es zeigte den Bürger Joachim Nettelbeck und den bürgerlichen Major Gneisenau, die den französischen Besatzungstruppen Napoleons im Jahre 1807 mit Erfolg getrotzt hatten. Unterhalb befand sich übrigens auch eine Darstellung des Offiziers Ferdinand von Schill, der mit seinem Freikorps - bevor er nach Stralsund zog und fiel - Napoleons General Claude Victor gefangennimmt und nach Kolberg bringt. Dies ermöglichte den späteren Austausch gegen Gebhard Leberecht von Blücher, der auf Rügen seine Jugend verbrachte und später - gemeinsam mit Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington - bei Waterloo die französichen Truppen so vernichtend schlägt, dass Napoleon nur die Abdankung bleibt.

Das Denkmal von Joachim Nettelbeck und Major Gneisenau sowie die Darstellung von Ferdinand v. Schill
Eine politische Vereinnahmung der Ereignisse von 1807 erfolgte mit dem zwischen 1943 und 1944 gedrehten Film "Kolberg". Die Rolle des Nettelbeck wurde damals vom populären Stettiner Volksschauspieler Heinrich George, dem Vater von Götz George, verkörpert. Der Streifen wurde als Propagandafilm nach dem Krieg zunächst verboten. Das bereits erwähnte Denkmal von Nettelbeck und Gneisenau in Kolberg wurde nach 1945 zerstört. Heute erinnern noch einige Straßen an den Bürger Joachim Nettelbeck.

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