Mittwoch, 6. Februar 2019

Zwischen Sund und Kap Arkona (41)

Das Jagdschloß Granitz auf dem Tempelberg vom Forsthaus gesehen

Ein Beitrag von Torsten Seegert

Wer vom Ostseebad Binz, vorbei am Torhaus, zum Tempelberg in der Granitz wandern möchte, braucht ein wenig Zeit. Diese Lebenszeit ist jedoch gut angelegt: Die etwa 25 Minuten, die es für den immer stärker ansteigenden Weg braucht, führen direkt durch die Natur der Granitz...

Sie wird von zahlreichen Buchen und Eichen bestimmt wird. Und einen Vorteil hat auch die winterliche Jahreszeit: Hier und da sorgt der Schnee noch für ein abwechslungsreiches Bild, während die Bäume, die ihr Blätterkleid abgelegt haben, weite Blicke ermöglichen. So ist auch das Forsthaus und das Jagdschloß bereits von weitem eindrucksvoll durch die Bäume sichtbar.
Weg zum Jagdschloß vom Ostseebad Binz aus

Der Tempelberg soll an die 107 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Kein Wunder also, dass man ihn schon früh (um 1726) mit einem kleinen Jagdhaus versah, dass dann sogar noch einen kleinen Aussichtsturm erhielt. Einige Zeit später wurde allerdings schon an einen größeren Bau gedacht: Das Jagdschloß. Getragen hat sich Wilhelm Malte zu Putbus mit der Idee wohl schon im Jahre 1830. Die Planung selbst hatte dagegen wohl viele "geistige Väter". So sind heute u.a. Zeichnungen des Architekten Carl August Menzel (1794-1853) und des fürstlichen Baumeisters Theodor Bamberg bekannt. Daneben gibt es eine Skizze des preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. (1781-1841), die im Wesentlichen dem heutigen Aussehen des Jagdschlosses entspricht. Ihre Einordnung in die Baugeschichte ist - bedingt durch den Verlust des fürstlichen Archivs - jedoch schwierig.
Eingang zum Jagdschloß mit den Abgüssen der Molosserhunde
Belegt ist aber auch ein Grundriss für das Jagd-Schloss von Johann Gottfried Steinmeyer (1780-1851). Dieser war seit 1820 für den Fürsten tätig und stark beeinflusst von der sogenannten „Berliner Schule“. Sein Vorentwurf von 1837 zeigt einen rechteckigen Aufriss mit Ecktürmen und einem inneren Lichthof. Letzterer fällt allerdings im Anschluß durch die Verkürzung auf einen quadratischen Grundriss (eine Anregung Schinkels) weg. Überliefert ist auch, dass Wilhelm Malte sich im März 1838 an Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) gewandt hätte. Dieser soll dann den geplanten Aussichtsturm - als zentralen Punkt - eingebracht haben. Heute "wächst" er harmonisch aus der Mitte der quadratischen Bauform, wenn man sich vom Forsthaus dem Jagdschloß nähert. Durch die kahlen Bäume sieht man bereits von weitem den markanten Turm, der von den Ecktürme, die beide Geschosse überragen, flankiert wird und dem Bau erst sein wehrhaftes Aussehen geben.

Eingangsbereich mit zahlreichen Jagdtrophäen
1843 wurde das Schloß im Rohbau fertiggestellt. Über dem Findlingsfundament ragen nun die aufgehenden Wände mit ihrer Putzquaderung empor. Ihre seitliche Begrenzung finden sie in den Türmen, mit ihren Zinnenkränze das Bauwerk dominieren. Die Fassade selbst wird von Rundfensterbögen durch feinteiliges neugotisches Maßwerk aufgelockert Der Mittelturm aber wurde erst im Jahr darauf - also vor 175 Jahren - fertig gebaut. Dann dauerte es noch weitere zwei Jahre für die restlichen Bauarbeiten. So wurde u.a. im Marmorsaal noch ein großer wundervoller Kamin vom Thorwaldsen Schüler Matthäi eingefügt. Der „Luxusbau“ soll am Ende stattliche 100.000 Taler gekostet haben...
Büsten von Wilhelm Malte zu Putbus (1783-1854) und seiner Frau Luise (1784-1860)
Bedeutung erlangte der Bau aber auch durch seine Ausstattung: Vielfach unbekannt ist dabei, dass dafür industriell gefertigte Statuen und Architekturdetails namhafter Berliner Fabriken und Manufakturen verwendet wurden. Zu ihnen zählte der Goldschmied und Eisenkunstgießer Moritz Geiss (1805-1875). Er steuerte Statuen, Fensterteile, Halbsäulen, Treppenbaluster und Türverzierungen aus Zinkguss bei. Ornamente, Zierleisten und Halbfiguren entstanden aus Papiermaché und Steinpappe bei Paul Gropius (1821-1888). Beide Künstler imitierten dabei wertvolle Materialien, deren Formgebungen sich an den Vorlagen Schinkels orientierten.

In Teilen nachgestellte Waffenschau des Jagdschlosses
Das Ergebnis waren sehenswerte fürstliche Zimmer im Obergeschoss: Allerdings wurden die Imitate mit kostbarem Inventar geschickt kombiniert: Gemälde von Velasques und Salvator Rosa, sowie vier Bilder aus Rügens Geschichte von der Hand Eibels und Kolbes schmückten die Wände. Daneben: Klassisch schöne Marmorstatuen von Thorwaldsen und Rauch.

Zahlreiche Gäste waren Gast der Familie zu Putbus - so auch Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898)
Für Besucher, die den Aussichtsturm besteigen, ist das Treppenwerk allerdings das beeindruckendste Zeugnis fortschrittlicher und einmaliger Handwerkskunst. Sie stammt aus der 1825 von Franz Anton Egells (1788-1854) gegründeten Maschinenbauanstalt. In vier Windungen läuft die Wendeltreppe mit ihren durchbrochenen gusseisernen 154 Stufen bis zur Plattform des Mittelturms. Zu besonderen Anlässen soll sie, wie der fürstliche Sattlermeister Franz Laars zu berichten wusste,  sogar mit einem Läufer belegt worden sein.
Ein eindrucksvoller Hirsch überrascht im Übergang zum Jagdzimmer
Zunächst diente das Jagdschloss repräsentativen Zwecken. Jährlich stattfindende Jagden in einem der ergiebigsten Jagdreviere Norddeutschlands gaben hierfür den entsprechenden Rahmen. Als am 23. Dezember 1865 jedoch das Schloss zu Putbus abbrannte, wurde das Jagdschloss bis 1874 zum dauerhaften Wohnsitz. Damit verbanden sich zahlreiche zweckorientierte Umbauten. Nun kam es zum Einbau einer Warmluftheizung und einer dekorativen Ausgestaltung der Zimmer im Zeitgeschmack. Zum Ende des 19. Jahrhunderts begann man auch mit der öffentlichen Nutzung des Gebäudes. Der aufkommende Fremdenverkehr in den benachbarten Seebädern Binz und Sellin sorgte schon bald für eine steigende Besucherzahl: So wurde 1895 13.500 und im Jahre 1905 schon 22.400 Schaulustige auf dem Jagdschloss gezählt.

Das Jagdzimmer in einer modernen Anlehnung an den Ursprung
Erst das Ende des zweiten Weltkriegs sorgte für eine Unterbrechung. Wie in Putbus wurde auch das Jagdschloss Opfer zahlreicher Plünderungen. Im Juni 1945 wurden die ersten Gegenstände durch Soldaten der Roten Armee abtransportiert. Daneben suchten zeitweise bis zu 150 Menschen hier Zuflucht oder Unterkunft. In diesem Zuge sorgten auch viele Restausstattungen oftmals ihren Besitzer. Das prunkvolle Himmelbett der Fürstin wurde sogar zu einem Kaninchenstall umfunktioniert und die herrlichen Marmorkamine zerschlug man kurzerhand, um sie in Binz und Sellin als Grabplatten zu "verhökern".

Der Marmorsaal, der auch für Veranstaltungen genutzt wird
Eine neue Nutzung als Heimatmuseum begann erst in den 1960er Jahren. Damit zählt das Jagdschloß Granitz dennoch zu den ältesten Museen der Insel. Die eingeschlagene Entwicklung bewirkte zudem, dass 1966 erste großformatige Gemälde in das Jagdschloss zurückkehrten. 1968 konnten bereits die Gesellschaftsräume besichtigt werden und eine Sonderausstellung informierte die Besucher zur Geschichte der Jagd und zu heimischem Wild. Hauptattraktion blieb allerdings der Aussichtsturm. Etwa 100.000 Menschen pilgerten nun die 154 Stufen hinauf um den Ausblick zu genießen. 1978 hatte sich ihre Zahl bereits verdoppelt und 1993 verdreifacht. In den Mittelpunkt der internationalen Fachwelt wurde das Jagdschloss 1984 gerückt. Erstmals fand hier eine Generalratstagung des „International Council of Monuments and Sites“ (ICOMOS) statt. Parallel zu dieser Entwicklung wurde der repräsentative Bau unter Denkmalschutz gestellt und zwischen 1982 und 1989 umfassend saniert. Wobei auch die Spezialbetonbauer um Ulrich Müther ihren Beitrag bei den Turmzinnen leisteten.
Datails im Esszimmer des Jagdschlosses Granitz
Vieles hat sich auch in den letzten 30 Jahren gewandelt. So sind die Molosserhunde an die Eingangstreppe "zurückgekehrt". Fürst Wilhelm Malte zu Putbus hatte sie selbst auf seiner Italienreise gesehen und für das Jagdschloss auf dem Tempelberg zwei Abgüsse bestellt. Auf einem alten Foto, dass beim Besuchs des Reichspräsidenten von Hindenburg im Jahre 1927 entstand, sind sie sehr gut zu erkennen. Allerdings gingen diese originalen "Hunde" nach dem zweiten Weltkrieg verloren. So mussten 2001 zwei Bronze-Nachgüsse der Hunde die zwischenzeitlich verwaisten Treppen ergänzen.

Hier ist der Tisch sogar eingedeckt und man darf "Platz nehmen"
Nachdem das Museum in den 90er dem Landkreis Rügen gehörte, kam es zwischenzeitlich in Besitz des Landes Mecklenburg-Vorpommern und wird den Staatlichen Schlössern, Gärten und Kunstsammlungen M-V zugeordnet. Inhaltlich wird in einer Ausstellung über die Familie zu Putbus, ihren Ort Putbus, ihre Gäste und die Jagd berichtet. Zahlreiche Ausstattungsgegenstände aus dem Besitz der Familie zu Putbus machen den Besuch neben dem fantastischen Rundblick über die Insel zu einem echten Erlebnis mit Mehrwert. Das erklärt, warum das Schloß einer der beliebtesten und erfolgreichsten pommerschen Museen ist.

Ein Aufstieg im Mittelturm des Jagdschlosses ist vielleicht der Höhepunkt eines Besuches
In den kühlen Monaten (zwischen November und März) ist das Jagdschloß Granitz zwischen 10.00 Uhr und 16.00 Uhr öffentlich zugänglich. Der Eintritt kostet 6,- EUR (4,- EUR ermäßigt).

Ein Rundum-Blick über das Muttland und darüber hinaus...
Um zurück nach Binz zu kommen bietet sich übrigens der "Jagdschloss-Express" an. Die Fahrtpreise liegen bei 5,- EUR für Erwachsene und 2,- EUR für Kinder. Dieser fährt um: 10.50 Uhr / 12.20 Uhr / 13.50 Uhr / 15.15 Uhr / 15.45 Uhr / 16.15 Uhr.




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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach