Freitag, 15. Februar 2019

Zwischen Sund und Kap Arkona (43)

Das zentrale Wirtschaftsgebäude, welches mit Speisesaal und Küche errichtet wurde
Ein Beitrag von Torsten Seegert

100 Jahre nach der Gründung des Staatlichen Bauhauses durch Walter Gropius in Weimar als Kunstschule, hat auch Rügen die Baukunst in den Mittelpunkt der touristischen Betrachtung des Jahres 2019 gerückt. Anlass gibt es dafür reichlich, denn schließlich waren gerade auf den Inseln Rügen und Hiddensee namhafte Architekten und Baumeister zu Werke gegangen und hinterließen eindrucksvolle Spuren...
Blick auf ein Modell im Wirtschaftsgebäude von der Gesamtanlage
Die eigentlichen Wurzeln des Bauhauses - das soll hier angemerkt werden - lagen allerdings in der Gründung des Deutschen Werkbundes e.V. (DWB). Damals fanden sich zwölf Kunstschaffende und zwölf Firmen zusammen, um sich Anfang Oktober 1907 zusammenzuschließen. Ihr Ziel? Die "Veredlung der gewerblichen Arbeit" und damit die Verbesserung der Wettbewerbsbedingungen "deutscher Qualitätsarbeit" auf dem Weltmarkt.
Blick zum zentralen Wirtschaftsgebäude vom östlichen Teil des Innenhofes
Ob in der Kunst oder der Architektur: Damals hält die "Neue Sachlichkeit" Einzug. Es geht um die Schaffung zweckbetonter Werke. Zu den Architekten, die mit dem Deutschen Werkbund (DWB) auf den Inseln Rügen und Hiddensee eine Erwähnung verdienen, zählt zweifellos der Ostpreuße Max Taut, der gleich mehrere Häuser entwarf, die auf der Insel Hiddensee errichtet wurden. Zu seinen heute bekanntesten Bauten zählt dabei sicher das Haus "Karusel", welches einmal der Schauspielerin Asta Nielsen gehörte. Hiddensee gegenüber, auf der Seite der Halbinsel Wittow, findet sich hingegen eine Anlage, die Waldo Wenzel aus Dresden - ebenfalls vom Deutschen Werkbund (DWB) - entworfen hat. Sie ist auch heute noch in einem sehr guten Zustand und liegt direkt am Friedhof im südlichen Ortsteil von Wiek.

Fassade des Wirtschaftsgebäudes mit Speisesaal und Küche
Hier kam es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Verkauf eines weiträumigen Grundstückes, welches sich direkt am Wieker Bodden befindet. Käufer war die sächsische Regierung, die an dieser Stelle nun eine Anlage errichteten wollte, die für die Betreibung eines Kinderheimes an der Ostsee geeignet war und an der pommerschen Küste seinesgleichen suchen sollte. Die Anlage, die (in sich geschlossen) Anfang der 20er Jahre zur Ausführung kam, soll damals etwa 1,5 Millionen Mark gekostet haben. Um die finanziellen Mittel dafür aufzubringen, hatten sich u.a. über 30 sächsische Städte und Gemeinden zusammengeschlossen.
Blick zwischen die Gebäuderiegel.
Neben einem zentralen Wirtschaftsgebäude mit Speisesaal und Küche, gab es die miteinander verbundenen Unterkünfte, die weit über 1.200 Kindern Platz bieten sollten. Sie hegten einen Innenhof ein, der von einem Wasserturm dominiert und später mit Bäumen bepflanzt wurde. Zudem verfügte man über eine Selbstversorgung durch den Anbau von eigenem Gemüse. Dazu kam der bereits beschriebene direkte Strandzugang und ein Bollwerk. Ab 1922 fanden hier tausende Kinder jährlich zwischen April und Oktober Erholung. Sie kamen mit dem Dampfer oder mit der Kleinbahn auf die Halbinsel Wittow und blieben gleich für mehrere Wochen.
Die Kolonnade an den Unterkünften prägen den ofenen Charakter der Unterkünfte
Und obgleich das Sächsische Kinderheim (wie viele andere Bauten) zeitweise eine militärische Nutzung während des zweiten Weltkrieges, später als Flüchtlingsunterkunft oder zur Unterbringung von Arbeitskräften für den Rügen-Hafen erfuhr, so wurde die Einrichtung doch auch in der DDR-Zeit schon bald wieder für die Unterbringung von Kindern genutzt. Erst als "Kindergenesungsheim", dann Kindererholungsheim oder als Kinderkurheim "Frohe Zukunft". Heute wird die Anlage als AOK-Klinik Rügen genutzt und dient Mutter-/Vater-Kind-Kuren. Durch eine Freundschaft erhielten wir Zugang zur Anlage, die im Hauptgebäude auch über ein kleines Modell der Gesamtanlage verfügt.

Anlagenöffnung zum Wasser des Wieker Boddens. Hier kann man bis zum Leuchtturm auf dem Dornbusch sehen

Langsam spricht es sich außerdem herum, dass die Insel Rügen auch im Winter einen Besuch wert ist. Diesen mit einer Kur zu verbinden, ohne dass die Kinder Unterricht versäumen, wird sicher auch in Zukunft noch viele Eltern von einem Aufenthalt in Wiek überzeugen. Die Architektur der Neuen Sachlichkeit ist bei dieser Anlage zudem noch spürbar. Der Zustand der Gesamtanlage ist sehr gut. Nur der Wasserturm auf der Ostseite (an der Ortsdurchfahrt von Wiek) existiert leider nicht mehr.

Kirche von Wiek mit dem Kriegerdenkmal

Wer in Wiek die Gelegenheit nutzen möchte, um gleich noch die etwa 600 Jahre alte Kirche zu besuchen, der sollte sich allerdings noch etwas gedulden. Ab Mittwoch, den 1. Mai 2019, ist die Kirche St. Georg Wiek erst wieder außerhalb der Gottesdienste zu betreten.


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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin) / Das "Hans-Mallon-Grabmal

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach