Samstag, 23. März 2019

Inselsagen: Wollin


Historische Postkarte von Neuendorf auf der Insel Wollin
Mit der Insel Wollin verbinden sich viele Sagen. Ob sich bei der im südöstlichen Winkel der Insel gelegenen Stadt Wollin allerdings um das sagenumwobene Vineta gehandelt haben könnte?  Niemand kann das wirklich beantworten. Aber: Die Stadt Wollin ist, wie die Wendenburg Lebbin, sagenumwoben. 
Überhaupt die Insel Wollin: Im Norden findet sich die ganze landschaftliche Schönheit. Dazu herrliche Waldbestände und eine in nordöstlicher Richtung verlaufende Seen-Kette mit dem Lünow-, dem Warnow-, dem Dannenberger, dem Klozow- und dem Coperow-See. Dies ist der landeskundliche Rahmen der nun folgenden Sagen nach den Aufzeichnungen des Rüganers Prof. Dr. Alfred Haas...

Der alte Krug von Misdroy

In der Nähe von Misdroy lag früher "der alte Krug"; der war bei jung und alt so in Verruf, dass er nicht anders als "der Räuberkrug" genannt wurde. Man erzählt, dass oft Leute in dem Kruge übernachteten, nicht wieder ans Tageslicht kamen; der Krugwirt und seine Frau sollen die ahnungslosen Reisenden erschlagen und beraubt und die Leichen im nahen Walde verscharrt haben. Das hat so lange gedauert, bis die Mörder durch einen schlesischen Buttenträger angezeigt wurden, der gerade zur rechten Zeit aus der Mordsfalle entrinnen und in Misdroy Schutz finden konnte.


Der Köhler bei Teerofen

In der Nähe des Kaffeeberges bei Misdroy liegt eine einsame Waldlichtung, der Terrofen genannt. Hier soll vor vielen Jahren ein Köhler gehaust haben, der ein böser Mordbube war.

An einer Stelle der in der Nähe vorbeiführenden Landstraße lockerte er die Erde und vergrub darunter ein Brett, das, wenn jemand darüber ging, eine Klingel seiner Behausung in Bewegung setzte. So erfuhr der Köhler ohne weitere Mühe, wenn etwa ein einsamer Wanderer oder reisender Kaufmann auf der Straße dahinschritt. Dann eilte der Köhler herbei, erschlug den nichtsahnenden Reisenden, beraubte ihn und vergrub den Leichnahm im Walde.

Lange Jahre konnte der Köhler seine Schandtaten ungestraft fortsetzen. Endlich aber wurde er doch gefaßt, und als er eingestanden hatte, daß er über ein Dutzend Mordtaten begangen hatte, wurde er hingerichtet.

Historische Postkarte vom Kaffeeberg auf der Insel Wollin

Das Schloß im Warnowsee

Die kleine Halbinsel, die sich in den westlichen Teil des Warnowsees erstreckt, heißt im Volksmund der Schloßwall. Hier soll in alter Zeit ein Schloß oder eine Burg gestanden haben, und darin wohnte ein reicher Graf, dem der größte Teil der Insel Wollin gehörte. Er war ein großer Hundeliebhaber, und man sagt, er habe sich ein Rudel von 99 Hunden gehalten; den hundertsten aber habe er sich nicht anschaffen dürfen.

Nach anderer Überlieferung hat auf der Burg am Warnowsee ein Seeräuber gehaust, der von hier aus zu Schiff nach der Dievenow und der Ostsee gelangte. Denn in alter Zeit ging eine befahrbare Wasserstraße vom Warnowsee durch den Dannenberger, Kolzow- und Koperow-See und von dort durch den Lauenschen Bach zum Camminer Bodden. Nachdem der Seeräuber seine Raubfahrten jahrelang ungestraft ausgeführt hatte, ist er schließlich von einem Pommernherzog gefangen genommen und enthauptet worden. Die von ihm zusammengeraubten Schätze sollen noch jetzt in dem Schloßwall vergraben liegen.


Das Räubernest in Schmanz

In Schmanz, einem Ausbau des Dorfes Warnow, soll vor vielen Jahren eine vielköpfige Räuberbande gehaust haben. Die Mitglieder derselben hatten es besonders auf die umherziehenden Kaufleute abgesehen, die mit Zeugstoffen Handel trieben. Wenn solche Kaufleute auf der alten Landstraße einherzogen, die von der Stadt Wollin quer durch "den Wollinschen Werder" (d.i. die Insel Wollin) zur Swinemündung führte, haben die Schmanzer Räuber sie an sich gelockt und umgebracht.

Historische Postkarte vom Jordansee auf der Insel Wollin
Die Seeräuberin Stina

Auf dem Jordansee hat vor langer Zeit eine Räuberbande unter der Anführung eines Fräuleins mit Namen Stina gehaust. Stina war vorher Mamsell auf einem in der Nähe gelegenen großen Gutes gewesen. Dort hatte der Besitzer versucht, sie zu verführen; aber Stina widersetzte sich ihm, ergriff ein großes Küchenmesser und erstach jenen. Aus Furcht vor Strafe verließ sie das Gut und sammelte nun eine Schar kühner und verwegener Männer um sich, die sie als Räuberschar organisierte. Ihr Grundsatz war, nur die Reichen und Wohlhabenen zu berauben, aber die Armen ungeschoren zu lassen. Alle Güter in der Umgebung, insbesondere auch das Gut, auf dem sie früher Mamsell gewesen war, plünderte sie aus und verbreitete weithin Angst und Schrecken.

Eines Tages entdeckte sie einen bis dahin ganz unbekannten Ausweg vom Jordansee zur Ostsee hin. Da verschaffte sie sich Schiffe und ließ die Mitglieder ihrer Bande nun auch Seeraub treiben, und bald war der Name der Seeräuberin Stina im ganzen Küstengebiet der Ostsee verbreitet. Eine Anhöhe an der Küste diente Stina als Ausguck, und wenn sie auf See ein Kaufmannsschiff erblickte, das Beute verhieß, so führte sie ihre Raubschiffe auf das Meer hinaus, überfiel die ruhig ihre Straße ziehenden friedlichen Schiffe und plünderte sie vollständig aus. Die Beute verbarg sie in einer Höhle, die sich auf der Insel inmitten des Jordansee befindet. Den Eingang zu der Höhle bewachten zwei zähnefletschende Hunde. 

Einmal fuhr ein Kauffahrteischiff an der Nordküste der Insel Wollin entlang; das Schiff hatte mit schwerem Seegang zu kämpfen, und da es schon einen Mast verloren hatte, wollte es eine Notlandung versuchen. Bald war Stina mit ihren Leuten zur Stelle. Als sie an das in Not befindliche Schiff herangekommen waren, gaben sie sich für Misdroyer Fischer aus, die Hülfe erbringen wollten. An Bord gelangt, zeigten sie sich aber in ihrer wahren Natur. Die Besatzung wurde gebunden, und alles, was irgendwie von Wert war, wurde geraubt. Unter den Leuten des überfallenden Schiffes befand sich aber ein Brautpaar. und als es nun offenbar war, daß Seeräuber auf das Schiff gekommen waren, zog sich die Braut Männerkleider an und gab sich für einen Kaufmannslehrling aus, während sie ihren Bräutigam als ihren älteren Bruder bezeichnete. Beider Leben wurde verschont, denn Stina entbrannte in heißer Liebe zu dem verkleideten, angeblichen Jüngling, dessen wahres Geschlecht ihr unbekannt war. Aber Stina drang darauf, dass die beiden jetzt auch Seeräuber würden und an allen Raubfahrten teilnahmen. Damit waren sie keineswegs einverstanden, und eines Nachts entflohen sie heimlich aus dem Räuberversteck und entkamen glücklich nach Hamburg, wo sie sich heirateten.

Da sie alle Schlupfwinkel und Heimlichkeiten der Seeräuber kannten, so teilten sie alles der Polizei mit, und diese schickte Leute ab, die das Raubnest ausnahmen. Alle Räuber und auch ihre Anführerin Stina wurden im Jordansee ertränkt. Die auf dem See wachsenden Seerosen sind die Geister der im See ertränkten Räuber. Darum ist es auch nicht ratsam, die Seerosen des Jordansee zu pflücken oder auszureißen; dadurch werden die Geister der Verstorbenen in ihrer Ruhe gestört. Des Nachts lassen sich die Geister zuweilen noch in nebelhafter Gestalt am Ufer des Sees blicken.

Anmerkungen zu der Sage um Stina: Die Überlieferung stammt vom Bootsverleiher am Jordansee und wurd 1924 mitgeteilt. Im Plattdeutschen wird der Name "Stina" für Christine oder Christiane genutzt, außerdem ist bekannt, dass 1308 in Nemitz (Kreis Schlawe) ein Berg mit der Bezeichnung "Stina" genannt wird. 


Die Totengruft 

Ein zum Schutzbezirk Birkenhaus gehörender Distrikt, der am Strand ein besonders düsteren und öden Eindruck macht, führt im Volksmund den Namen "Totengruft". In früheren Zeiten fanden an dieser Stelle fremde unbekannte Seefahrer, deren Leben dem Meer zum Opfer gefallen war, ihre letzte irdische Ruhestätte. Hier und da legt ein mehr oder weniger vom Sand überwehtes, einfaches, vermorschtes Holzkreuz von der traurigen Bestimmung dieses Ortes Zeugnis ab. 

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Weitere Informationen zur Insel Wollin:
Von Insel zu Insel: Wollin mit Misroy (27. März 2019) 
Inselsagen: Wollin (23. März 2019)


https://www.inselreport.de/p/stettin.html