Donnerstag, 4. April 2019

Fontanes Effi Briest, Sassnitz und Swinemünde


Theodor Fontane (1819-1898) auf einem Gemälde von Carl Breitbach (1883)
Sassnitz / Swinemünde (PA). Unter dem Titel "fontane.200" würdigt das Land Brandenburg seit Samstag, den 30. März 2019, den Autor Theodor Fontane. Obgleich der Geburtstag des Neuruppiners, am 30. Dezember 1819, dazu einigen Anlaß gibt, muss dennoch die Frage erlaubt sein, weshalb der bedeutendste Vertreter des Realismus an der pommerschen Ostseeküste keine entsprechende Aufmerksamkeit erfährt. Immerhin katapultierte Fontanes Gesellschaftsroman "Effi Briest" auch Swinemünde und Sassnitz in die Weltliteratur...

Inspriration erhielt er dafürzweifellos durch das Leben von Elisabeth von Plotho, die noch als Jugendliche den fünf Jahre älteren Rittmeister Armand Léon von Ardenne kennen gelernt haben soll und ihn später auch heiratete. Das Ehepaar, das u.a. Verbindungen zum Künstlerverein Malkasten knüpfte, schloß dabei die Bekanntschaft mit dem talentierten Amtsrichter Emil Hartwich, dem man ein Talent fürs Malen nachsagte. Die Bande zwischen Elisabeth und Emil sollen dabei allerdings so eng geworden sein, dass beide sogar beschlossen, sich von ihren Partnern scheiden zu lassen, um eine gemeinsame Ehe einzugehen. Als die heimliche Liebe jedoch bevor es dazu kam aufflog, reichte Armand Léon von Ardenne eine Scheidungsklage ein und verlangte Genugtuung. Das Duell - ein öffentliches Ereignis, welches bereits im Vorfeld in zahlreichen Zeitungen seinen Niederschlag fand - ging letztlich tödlich für den Liebhaber von Elisabeth aus. Vier Tage später erlag er seinen Verletzungen in einer Klinik. Armand Léon von Ardenne wurde zur Festungshaft verurteilt. Die Ehe von Armand Léon und Elisabeth von Ardenne - die die Großeltern des Physikers Manfred von Ardenne waren - wurde schließlich geschieden. Die Kinder der beiden blieben beim Vater. 

Swinemünde: Die Christuskirche am Kleinen Markt
Der Ehebruch Elisabeths war damals ein Skandal. Doch seine Handlung verlegte Theodor Fontane in eine ihm gut vertraute Kulisse. So wurde beispielsweise aus Swinemünde, der Stadt an der Swine, Kessin. Hier verbrachte er immerhin fünf Jahre seines Lebens. Die Apotheke des Vaters beschrieb er in seinem Erinnerungsbuch "Meine Kinderjahre" so:

"Im Erdgeschoss trennte ein gepflasterter Flur Apotheke samt Laboratorium von den Wohnräumen. Darüber stieg ein hohes Dach auf, in dem übereinander Böden lagen, mit Kräuterkisten und Gerümpel."

Dabei war er nicht gerade behutsam mit seinem Urteil:

"Swinemünde war, als wir Sommer 1827 dort einzogen, ein unschönes Nest, aber zugleich ein Ort von besonderem Reiz. Wählte man, als Beobachtungsposten,den Kirchenplatz, zu dessen einschließenden Häusern auch unsere Apotheke gehörte, so ließ sich, obschon hier die Hauptstraße vorüberführte, wenig Gutes sagen, gab man aber die Innenstadt auf und begab sich an den ‚Strom‘, wie die Swine genannt wurde, so verkehrte sich die bis dahin ungünstige Meinung in ihr Gegenteil."

Swinemünde und Theodor Fontane - das ist zweifellos ein besonderes Verhältnis, auch wenn heute wenig davon zu sehen ist: Die alte Apotheke ist weg, stattdessen steht ein Neubau gegenüber der Kirche. Dennoch: Fontane ist präsent, denn Pluciński, der ehemalige Leiter des Swinemünder Museums, hatte die Idee an den Neuruppiner mit einer Tafel zu erinnern...

Die Tafel erinnert an die Swinemünder Jahre Fontanes an der Stelle, wo einst die Apotheke seines Vaters stand
Hierher - im Roman das hinterpommersche Kessin - lässt nun also Fontane den 38-jährigen Baron von Innstetten mit seiner frisch angetrauten Mädchen Effi Briest ziehen, um in einen Alltag einzutauchen, der für beide zur Qual wird: Von Innstetten in Ausübung seiner Rolle als Landrat und Effi als dessen Ehefrau. Dazu in einem Haus wohnend, das eine Gruselgeschichte zu bieten hat, bei der es um einen spukenden Chinesen geht. Abwechselung ist in den Kreisen, in welchen das Ehepaar verkehrt, nicht zu finden. Da bleibt nur der Hund Rollo als treuer Freund und Begleiter sowie der Apotheker (!) Gieshübler, der Effi Verständnis und Halt bietet. Mit der Schwangerschaft Effis und dem Auftauchen des Majors von Crampas(!) - benannt nach dem kleinen Ort auf Rügen - gerät auch der langweilige Alltag aus den Fugen. Dies gipfelt in der Aufführung eines Theaterstücks, mit dem bezeichnenden Namen "Ein Schritt vom Wege", bei dem Effi und von Crampas mitspielen. Dessen Aufführung ist ein großer Erfolg. Doch schon wenig später kommt es zu einem Ausflug zur Oberförsterei, der Effi und von Crampas sich weiter annähern lässt. Beide fahren im gleichen Pferdeschlitten und von Crampas nutzt die Gunst der Dunkelheit. Effi gibt sich seinen heißen Küssen hin...

Nach einiger Zeit wird von Instetten nun nach Berlin berufen. Für Effi eine Erlösung, denn das doppelte Spiel kann endlich ein Ende finden. Gott sei Dank! So kann Effi ihr verbotenes Verhältnis zu ihrem Liebhaber vergessen und genießt das Leben in der Großstadt. Mit dem Sommer rückt auch der Urlaub näher. Schließlich geht es nach Rügen...

Sassnitz: Blick vom historischen Ortskern auf die Ostsee
"Zunächst natürlich Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann, und dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen. Binz ginge vielleicht auch noch, aber da sind – ich muß Wüllersdorf noch einmal zitieren – so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strand, und wir wollen doch baden."

Gesagt, getan. Man ließ sich im Saßnitzer Hotel "Fahrenheit" nieder. Ein Abendspaziergang ließ sas Ehepaar von einem Felsvorsprung aus über die Prorer Wiek schauen. Effi wendet sich beim Anblick des Wassers im Mondschein an von Instetten mit den Worten:

"Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent. Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu bitten ..."

Als der Morgen anbricht, nimmt das Ehepaar ein Frühstück im Freien ein. Später geht Effi dann an einer eingepferchten Wiese, Häusergruppen und Haferfeldern vorbei. Dann biegt sie in einen Weg ein, der schluchtartig auf die Ostsee zuläuft. Am Ende des Weges, der zum Strand führte, findet sie ein von hohen Buchen überschattetes Gasthaus vor. Effi lässt sich nieder und bestellt einen Sherry. Schon bald entwickelt sich nun ein Gespräch mit dem Wirt. Mit dem Ziel vielleicht einen Tipp für ein anderes Quartier und Dinge zu erhalten, die in der Nähe wären. So kommen sie auch auf das Nachbardorf zu sprechen. Es trägt den Namen "Crampas". Als sie später ihrem Mann von Instetten von dem Gespräch berichtet wird, verschweigt sie den Namen jedoch mit Bedacht. Stattdessen berichtet sie zur Stubbenkammer und vom Gasthaus, welches sie dann - wie die Opfersteine und den Herthasee - aufsuchen werden. Effi findet es auf Rügen schön, nur sieht sie dann wieder die Dächer des Dorfes, dessen Namen sie erschreckt und den sie ihrem Mann verschwiegen hatte. So geben sie denn die Insel Rügen auf...

Wie bei Elisabeth von Plotho wird auch Effis Ehemann später durch Zufall die Liebesbriefe von Crampas finden. Er fordert ebenfalls von Crampas zum Duell heraus, wobei der Liebhaber sein Leben verliert. Trotz seiner Zweifel trennt sich von Instetten auch von Effi. Fontane lässt von Instetten am Ende urteilen:

"Ja, wenn ich voll tödlichem Haß gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl gesessen hätte … Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, eine halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi wegschicken und sie ruinieren und mich mit..."

Es ist schwer zu sagen, ob Fontane für seinen Gesellschafstroman "Effi Briest" immer gefeiert wurde. Den Skandal verarbeitete er in einem literarischen Werk, welches bei seinem Erscheinen nicht nur Aufmerksamkeit erregte. Auch wurden Sassnitz und Swinemünde in den Blickpunkt gerückt. Schade nur, dass viele Schüler diesen Stoff nicht aus eigenem Antrieb sondern wegen einer Vorgabe lesen mussten. Das dürfte den Autor, der an diesem Zwang keinen Anteil hatte, sicher einige Sympathien gekostet haben.

In Sassnitz und auf Rügen ist der Roman aber wegen seinem Bekenntnis ("Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen.") weiterhin ein gern zitiertes Buch. Und: Eine kleine Ehrung wird Fontane dann doch 2019 in Sassnitz noch zu Teil, wenn am Mittwoch, den 14. August, ab 19.30 Uhr romantische Lieder Fontanes in Vertonungen von Norbert Fitzke durch das „Duo "con emozione" in der St. Johannis-Kirche zu Gehör gebracht werden. Außerdem wird die Musik mit Texten und Anekdoten Fontanes und seiner Zeitgenossen angereichert. Fontane ist also auch bei uns eine besondere Erinnerung wert...

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