Dienstag, 23. April 2019

Zwischen Sund und Kap Arkona (45)

Der Umriß der Langhalle vom "Hans-Mallon-Grabmal" zeichnet sich noch deutlich in der Natur ab
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Zu den eher unbekannten Orten auf dem Rugard zählen wohl die Überreste des "Hans-Mallon-Grabmahls". Unweit der Rugard-Bühne, die auf dem künstlich ab 1934 errichteten "Thingplatz" fußt, geht ein schmaler Weg in nordöstliche Richtung durch die Bewaldung...

Wer ihm folgt, muß schon bald feststellen, dass der Weg einen leichten Knick nach links vollzieht. Rechter Hand sieht man nun schon, dass die Natur nicht vergisst, was von Menschenhand an Eingriffen bereits vorgenommen wurde: Gleich einer Furche ziehen sich die Hinterlassenschaften einer Zuwegung durch die aufragende Anhöhe. Wer dieser einst folgte, kam auf einen rechteckigen Platz, der von leichten Erdwällen gegen den Abfall eingehegt war. Heute ist die ehemalige Freifläche des Vorplatzes längst wieder von Bäumen bewachsen. Stück für Stück hat sich Mutter Natur ihren Raum zurückerobert. Nur nordöstlich des Platzes, quer zur Längsseite, zeichnet die frisch erwachende Natur des Frühjahres einen Umriß ab. Er erstreckt sich wie der Umriß einer langen Halle, zu dessen Ende eine Vertiefung deutlich zu sehen ist.  Überall finden sich Reste von Granit verteilt, der hier nicht ursprünglich ist.

Eine tiefe Furche zeichnet die Zuwegung zum Aufmarschplatz des Grabmals bis heute in der Anhöhe
Es sind die letzten Zeugnisse eines Grabmals, dass der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge zwischen 1935 und 1937 für kalkulierte 100.000 Mark errichten ließ. Eine vage Vorstellung von der Anlage erhält man nur noch auf alten Postkarten. Der Entwurf des Architekten Robert Tischler (1885-1959) folgte, wenn man verschiedene Ausführungen dazu liest, den Vorstellungen von Hermann Wille. Auch dieser war Architekt, allerdings waren seine Gedanken zu germanischen Kulthallen sowie die sich daran offensichtlich anlehnende Planung Tischlers von Anfang an umstritten. Grund dafür: Das Bauvorhaben wurde bereits  damals als Versuch interpretiert, die zweifelhafte Rekonstruktion einer Kulthalle vorzunehmen, die in der Idee ahistorisch war.

Das lässt verschiedene Fragen aufkommen: Warum beauftragte der Volksbund eine solche Stätte? Warum richtete er seine Planung an dieser Formsprache aus? Und: Wer war Hans Mallon? Nicht auf alle Fragen gibt es dabei befriediegende Antworten. Um überhaupt eine Einordnung vornehmen zu können, bedarf es einer generellen zeitlichen Einordnung. Wie viele andere politische Bewegungen, die letztlich eine Diktatur ausübten, hatte auch der Nationalsozialismus seine Vorbilder und Märtyrer. Bei der Hitler-Jugend (HJ), einer nationalsozilaistischen Nachwuchsorganisation, zählten sowohl Herbert Norkus (1916-1932) als auch Hans Mallon (1914-1931) dazu.

Postkarte des Pasewalker Verlag Bigalke und Ansicht an gleicher Stelle (heute)
Letzterer hieß eigentlich Johannes Mallon und kam am 30. Juni 1914 zur Welt. Er wurde zunächst in Stettin-Altdamm eingeschult und besuchte ab 1923 die Bergener Ernst-Moritz-Arndt-Schule. Im Anschluß soll er eine Ausbildung im Elektrizitätswerks aufgenommen haben. In den Blick der Öffentlichkeit rückte Johannes Mallon jedoch erst nach seinem Tod. Die Begebenheit, die ihn bekannt werden ließ, wurde später so geschildert: Nach einer Sonnenwendfeier am Samstag, den 20. Juni 1931, auf dem Rugard soll der Jugendliche als Fahnenträger eines NS-Verbandes an der Bergener Stadtgrenze durch einen Steinwurf von politischen Gegnern am Hinterkopf schwer verletzt worden sein. Weiter heißt es, dass er an seinen Verletzungen - einer Gehirnblutung - am  3. September 1931 gestorben sei...

Noch vor der Fertigstellung des bereits angesprochenen Thingplatzes (September 1934), soll es  am Montag, den 12. Juli 1934, zu einer Begehung des geplanten Platzes durch den Rügener Landrat Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen, Künstlern und Mitgliedern des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge gekommen sein. In diesem Zusammenhang wollte man auch die Stelle eines "Hans-Mallon-Denkmals" festgelegen. Mallon war damit das erste Opfer der nationalsozialistischen Bewegung, für den eine Ehrenstätte durch den Volksbund errichtet werden sollte. Der ursprünglicher Auftrag desVolksbundes lag eigentlich in der Erhaltung und Pflege von Kriegsgräbern im Ausland. Die Umsetzung der Planungen auf dem Rugard zwischen 1935 und 1937 war nur durch eine zuvor erfolgte Satzungsänderung möglich.

Der rechteckige Aufmarschplatz, links davon befand sich die Langhalle des "Hans-Mallon-Grabmals"

Nachdem die Gebeine Mallons am Samstag, den 19. Juni 1937, auf dem Bergener Friedhof exhumiert worden waren, soll sein Sarg - wie der "Stettiner Generalanzeiger" später zu beríchten wusste - im Fackelschein von sechs Bannführern und Jungbannführern zur Stätte des Grabmahl getragen worden sein. Dann zog eine Ehrenwache bis zum Folgeabend auf. Am Sonntag, den 20. Juni 1937, wurde  - so verschiedene Quellen - dann das Grabmahl von dem Vorsitzenden des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge Dr. Eulen an den Reichjugendführer Baldur von Schirach übergeben. In diesem Zusammenhang wurde dem Bann 42 der HJ, dem Mallon angehörte, dessen Name übertragen.

Vertiefung am Ende des nordöstlichen Endes der Langhalle, wo einst das Tiefengrab und die Fahnen aufgestellt waren
Das "Hans-Mallon-Grabmahl" wurde später als Kult- und Weihestätte genutzt. So wurde es u.a. am Todestag Mallons zum Pilgerort der HJ und auch zum Bestandteil des Besuchsprogramms der Kreisstadt Bergen. Mit dem letzten Jahr des zweiten Weltkriegs verbindet sich dann jedoch eine von zwei Versionen zum Ende des Grabmals: Demnach soll es am 1. Mai 1945 gesprengt worden sein, um eine "Schändung durch den Feind" (gemeint ist die Rote Armee) zu verhindern. Eine weitere Version spricht allerdings von Sprengungen, die erst etwa zehn Jahre später stattgefunden haben sollen. Wie bei vielen Überlieferungen zu Johannes Mallon gibt es auch hier verschiedene Versionen.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der im Dezember 2019 einhundert Jahre alt wird, sollte sich auch an dieser Stelle seiner historischen Verantwortung stellen und einen geeigneten Weg finden, wie mit Stätten, die damals in seiner Verantwortung entstanden sind, umgegangen wird.

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(Der Beitrag wurde dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge heute zur Kenntnis gegeben) 



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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin) / Das "Hans-Mallon-Grabmal

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach