Mittwoch, 15. Mai 2019

Auf pommerschen Kirchtürmen (1)

Der Turm des Greifswalder Doms St. Nikolai
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Unsere Kirchen sind ohne jeden Zweifel wertvolle Zeitzeugen, aber nicht nur das. Sie ermöglichen uns neben dem Rückblick auch oftmals einen Blick über die Dächer der Städte un Gemeinden. Grund genug, um einige der Kirchtürme einmal zu besteigen. So entstand der Gedanke zu der Reihe "Auf pommerschen Kirchtürmen", die mit diesem Beitrag begonnen werden soll. Ziel unserer ersten Besteigung ist der Greifswalder Dom St. Nikolai. Wissenswertes zu diesem Bauwerk erfährt man bereits in einem kleinen Führer, der am Eingang zur Kirche angeboten wird.

Im Jahre 1199, so ist darin zu erfahren, begann alles mit der Gründung des Zisterzienserklosters Eldena durch Darguner Mönche an der Hilda (einem Fluß, der in die "Dänische Wiek" mündete und heute "Ryck" genannt wird). Ausgestattet wurde dieses Kloster übrigens mit Ländereien - u.a. Mönchgut - durch den Rügenfürsten Jaromar I. Zudem war es auch Ausgangspunkt für die spätere Entwicklung Greifswalds. Zunächst wurde dem Kloster 1241 das Marktrecht (sowohl vom Rügenfürsten Witzlaw I. als auch vom pommerschen Herzog Wartislaw III) erteilt und am 14. Mai 1250 erhielt Greifswald zudem das lübische Stadtrecht.

Eingangsbereich, von dem sich aus der Greifswalder Dom St. Nikolai und der Turm erschließen
Dann, 1263 wird der Dom St. Nikolai, der dem Schutzheiligen der Seefahrer und Kaufleute geweiht ist, erstmals erwähnt. Seitlich des Chorraums fügen sich heute 21 Kapellen an. Ebenfalls in die Frühzeit des Baus reichen die Bauarbeiten zum Westturm zurück. Bedingt durch die Einrichtung der pommerschen Universität und die damit verbundene Erhebung zur Stiftskirche (1457) durch den Camminer Bischof Henning Iven, ergaben sich neue fianzielle Spielräume, die zum Weiterbau des Turmes führten. Allerdings kam der achteckige Aufsatz erst zum Ende des 15. Jahrhunderts zur Ausführung, später auch die achteckige Spitze. Die Gesamthöhe des Turmes betrug letztlich 120 Meter. Allerdings kam es am 11. März 1515 zum Einsturz der 60 Meter hohen Spitze durch einen Nordweststurm. Auch die erneut errichtete Turmspitze stürzte am 13. Februar 1650 wieder ein und zerstörte sogar das Mittelschiff sowie das südliche Seitenschiff.

Blick zurück: Nach Steintreppen führen steile Holztreppen in die Turmspitze
Der heutige Turm mit seiner Turmspitze, die im holländischen Barockstil ausgeführt wurde, hat nur noch eine Höhe von 99,97 Metern und ist damit deutlich kleiner als seine Vorgänger. Um zur Aussichtsgalerie zu gelangen muss man immerhin 264 Stufen steigen. Noch ein paar Worte sollen an dieser Stelle zu besonderen Ereignissen fallen, die im Zusammenhang mit dem Greifswalder Dom stehen. So besuchte Zar Peter der Große im August 1712 die pommersche Universitätsstadt und besuchte u.a. den Dom. Und: Der pommersche Maler Caspar David Friedrich, dem die Insel Rügen auch seine landesweite Bekanntheit ein Stück weit zu verdanken hat, wurde hier - am 7. September 1774 - in seiner Heimatstadt Greifswald getauft. Am 11. Juni 1989 weilte auch Erich Honnecker anläßlich eines Festaktes zur Wiedereinweihung des Greifswalder Domes in der pommerschen Universitätsstadt. Das Ereignis versetzte Greifswald in einen Ausnahmezustand und wurde damals sogar direkt im Fernsehen übertragen. Zeitzeugen könnten zu diesem Besuch sicher mehr als eine Anekdote besiteuern...

Vorbei geht es mit einem Blick auf den Glockenstuhl der freischwingen Glocken
Wer den Aufstieg zum Kirchturm wagt, wird auch mit einem Blick auf den Glockenstuhl belohnt. Hier gibt es, wie so häufig, einige Besonderheiten: Der Greifswalder Dom St. Nikolai verfügt über sieben Glocken. Jede von ihnen hat eine eigene Bedeutung und damit trägt auch jede Glocke einen eigenen Namen: Die Franziskanerglocke (um 1300 gegossen, sie hat ein Gewicht von 207 Kilogramm), die Bet- und Professorenglocke (von 1440 mit seltenen Glockenritzzeichnungen, sie ist 4020 Kilogramm schwer!), die Kindtaufglocke (von 1615, ihr Gewicht beträgt 216 Kilogramm), die Sonntagsglocke (von 2006, sie hat ein Gewicht von 2.274 Kilogramm Gewicht), die Bugenhagenglocke (von 2010, mit 995 Kilogramm Gewicht), die Johannesglocke (von 2011, sie hat 815 Kilogramm Gewicht), Die Friedensglocke (von 2013, sie ist 570 Kilogramm schwer).

Oben: Ein Blick zur "Dicken Marie" und zum Marktplatz mit dem Rathaus und der Post
Eines der schönsten Ausblicke von der Turmplattform bietet sich, wenn man sich Richtung Marienkirche (die "Dicke Marie" genannt wird) und Marktplatz mit dem angrenzenden Postgebäude und dem Rathaus wendet. Der Baubeginn der Marienkirche wird mit dem Jahr 1275 angegeben. Heute gilt die auf Feldsteinen gegründeten Backsteinkirche übrigens als einer der größten norddeutschen Hallenkirchen. Auch der Marktplatz ist - gemessen an Größe und Gestaltung - einzigartig. In diesem Zusammenhang sind sowohl die Bürgerhäuser Nr. 11 und 13 sowie das bereits erwähnte Rathaus einen Besuch wert. So sollen die Grundmauern des Rathauses bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen. Allerdings ist davon auszugehen, dass das Gebäude seine Funktion wesentlich später erhielt. So ist denn auch erst im Jahre 1551 von einem "Radhus" die Rede. Zudem sind die baulichen Veränderungen auch äußeren Einflüssen - wie dem Greifswalder Stadtbrand im Jahre 1713 - geschuldet gewesen.

Unweit des Domes befinden sich auch die Universitätsgebäude - u.a. die Sternwarte - der Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Wie schon angedeutet, gibt es eine enge Verbindung zwischen Greifswald, dem Greifswalder Dom und der pommerschen Universität. Das Gotteshaus war 1456 sogar Gründungsort der wissenschaftlichen Lehreinrichtung. Damit zählt die Ernst-Moritz-Arndt-Universität zu den ältesten Universitäten Mitteleuropas und ist die zweitälteste Einrichtung dieser Art im Ostseeraum. Sie, die zur Zeit ihrer Zugehörigkeit zu Schweden und später zu Preußen auch hier auf die längste Tradition verweisen konnte, hat heute mehr als 10.000 Studenten, über 6.000 Mitarbeiter (inkl. der Universitätsmedizin Greifswald) und etwa 200 Professoren. Von der Aussichtsplattform kann man u.a. einen direkten Blick auf den Universitätskomplex werfen, der sich ebenfalls an der Domstraße befindet. Die Gebäude der pommerschen Landesuniversität sind leicht auszumachen: Zu den markantesten Gebäuden zählen u.a. das barocke Hauptgebäude und die Sternwarte (Position: 54º 05’40”N/013º22’27” E - Höhe: 35m ü.N.N.), die auch zum Besuch einlädt. Gegenüber des Universitätshauptgebäudes, durch Bäume leicht verdeckt, befindet sich der Rubenowplatz mit dem Rubenow-Denkmal. Es wurde zu Ehren des Greifswalder Bürgermeisters und Mitbegründers der Universität, Heinrich Rubenow, am 17. Oktober 1856 enthüllt. Neben der Darstellung Rubenows wurden die Landesherren - die beiden pommerschen Herzöge Wartislaw IX. und Bogislaw XIV. sowie der schwedische König Friedrich I. und der preussische König Friedrich Wilhelm III. - verewigt. Als Sinnbilder für die Fakultäten kam es zur Darstellung von Johannes Bugenhagen (Philosophie), David Mevius (Rechtswissenschaft), Prof. Friedrich August Gottlob Berndt (Medizin) und Ernst Moritz Arndt (Philosophie). Übrigens: Auch vom Dom aus gut zu erkennen, ist u.a. die Philiosophische Fakultät (Rubenowstraße), die es seit 1456 gibt.

Derzeit werden an der Hallenkirche St. Jakobi gerade Dacharbeiten ausgeführt
Auch gut zu erkennen ist die Jacobikirche, an der gerade noch Arbeiten im Turmbereich stattfinden. Sie ist eine der drei die Ansicht von Greifswald prägenden Backsteinkirchen. Und: Auch diese Kirche ist auf besondere Weise mit der Universität verbunden, denn hier fanden hundert Jahre lang (1889-1989) die akademischen Gottesdienste statt. Die Geschichte diesen Gotteshauses ist allerdings recht bewegt gewesen. So sollen französische Truppen die Kirche zu einer Feldbäckerei genutzt haben, wonach sie sogar unbenutzbar wurde. Erst nach dem Ende der napoleonischen Fremdherrschaft, Greifswald wurde durch den Wiener Kongress (1814/1815) preußisch, konnte eine Wiederherrstellung erfolgen. Der derzeit sanierte Kirchenturm war am 31. März 1955 in Brand geraten. Tags zuvor hatte man übrigens über 200 Studenten verhaftet. Sie hatten sich mit öffentlichen Protesten und Streiks gegen die Umwandlung der Medizinischen Fakultät zu einer Ausbildungsstätte für Militärmediziner gewandt. Obgleich auch die Ursachen für den bereits angesprochenen Brand, bei dem der Turm ausbrannte sowie Glocke und Orgel vernichtet wurden, nie aufgeklärt werden konnten, hatte dieser auch Wirkung auf die äußere Erscheinungsform des Kirchturmes gehabt: Der abstufende Fachwerkaufsatz der Turmhaube war vernichtet worden und nun wurde die Turmspitze des "kleinen Jakob" pyramidenförmig mit Beton hergestellt. Die bereits damals geplante Kupferverkleidung, die aus Materialmangel zu DDR-Zeiten nicht realisierbar war, wird nun endlich vollzogen.

Der Turmaufstieg ist seit dem 17. Juni 2017 wieder möglich. Die Kosten für den Aufstieg liegen derzeit bei 3,- EUR, Kinder zahlen den halben Preis. Wer sich dazu verabreden will, kann sich seit dem letzten Jahr auch wieder an der Turmuhr des Greifswalder Doms orientieren, ihr kamen u.a. die Einnahmen zu Gute.