Mittwoch, 8. Mai 2019

Der Bismarckturm am Rande der Stadt

Der Bismarckturm im Norden von Stettin

Stettin (PA). Wer sich zum Bismarckturm in Gotzlow - einem Stadtteil Stettins - auf den Weg macht, der fährt vor allem an der Oder entlang. Es geht immer in Richtung Norden. Angesichts mancher heutigen Trostlosigkeit der Wohnhäuser und ehemaligen Werkanlagen an der Straße ließe sich dabei kaum vermuten, dass hier einmal ein Biergarten mit dem Namen "Sommerlust" war. Auch lassen sich nicht die Anlagen des Stettiner Yacht-Clubs, der am 29. Oktober 1877 als "Verein Stettiner Ruderer und Segler" gegründet wurde, erahnen. Lediglich ein Gleis, welches hier endet, könnte Bedeutung verheißen...
Hinter den Bäumen lugt der Bismarckturm hervor und ist schon von weitem erkennbar
Und so reist man an den Rand der Großstadt Stettin mit einigen Fragezeichen, denn unser heutiges Ziel sollte ja, wie bereits erwähnt, der Bismarckturm von Stettin sein. Er ist einer von sechs Bismarcktürmen, die einst zu Ehren des "Eisernen Kanzlers" alleine auf dem pommerschen Festland  - neben dem Turm in Heringsdorf (Baujahr: 1905) auf der Insel Usedom - errichtet wurden. Ihre Standorte waren, geordnet nach dem Baujahr ihrer Errichtung: Greifswald (1900), Flatow (1908), Lauenburg (1910), Neustettin (1911), Schivelbein (1911) und Pollnow (1930).
Das Eingangsportal des Turms
Der Bismarckturm in Stettin wurde allerdings erst am 21. August 1921 eingeweiht. Dies ist verwunderlich, da es bereits seit dem Jahre 1899 Überlegungen gab, Otto von Bismarck mit einem Denkmal zu ehren. Die Ursachen für die Verzögerung waren vielschichtig: So gab es zunächst die Suche nach einem geeigneten Standort, später einen Architektenwettbewerb, dann Entwurfsänderungen und natürlich die Klärung der Finanzierung des Bauwerks. Die Entscheidung für den Standort war dabei nach einigem hin und her auf den Weinberg bei Gotzlow gefallen. Dieser war einst kaum mit Bäumen bewachsen, überragte das Land und sollte nun mit dem Bismarckturm sogar einen herrlichen Blick über die Oder bieten. Und vielleicht würde uns die Umsetzung der Errichtung dieses Turms auf einem Berg gerade die Suche nach ihm erleichtern können. Allerdings hatte sich die Natur nach etwa hundert Jahren das Umfeld des Turmes längst zurückerobert.

Das Schild mit dem Stammwappen der Familie Bismarck und den zwei Lanzen
Wer heute den Bismarckturm besuchen möchte, muss außerdem auch einen anspruchsvollen Fußmarsch in Kauf nehmen. Immerhin ist dieser auf verschiedenen Wegen, die hinter der letzten Gotzlower Häuserzeile vor der Bewaldung beginnen, möglich. Dabei sorgt das Laubdach der hoch aufgeschossenen Bäume auch bei Sonnenschein wie in diesem Monat Mai für ein angenehmes Klima. Und umso steiler die Wegeführung wird, desto dichter gelangen wir an das Ziel unserer Wanderung. Dann plötzlich lugt der Bau von weitem durch die Bäume hervor. Er wirkt massiv und lässt seine Konturen mit jedem Schritt deutlicher werden. Endlich haben wir einen freien Blick auf den monumentalen Bau mit der Rundkuppel.

Dorische Säulen tragen den Dreiecksgiebel
Er erschließt sich über einen Vorplatz mit einer breiten Freitreppe, deren seitliche Begrenzung sich nur noch anhand von Überresten der einstigen Stelen erahnen lässt. Der Rundbau, der mit einem Durchmesser von etwas über zwanzig Metern und einer Höhe von etwa 25 Metern noch immer eindrucksvoll in die Landschaft ragt, ist mit einem Eingangsportal versehen, dass von einem Dreiecksgiebel bekrönt wird. Gehalten wird dieser von zwei dorischen Säulen, die der Massivität zusätzlichen Auftrieb verleihen. Noch unter dem Giebel ist ein Rundschild mit gekreuzten Lanzen als Relief erkennbar. Das Schild selbst trägt dagegen das Stammwappen der Familie von Bismarck - drei Klee- und drei Eichblätter. Der Eingang selbst wurde mehrfach durch Stahlplatten und Träger gegen den Zugang von außen gesichert, den man sich offensichtlich zu oft in der Vergangenheit verschafft hatte. Wer die Türöffnung passieren konnte, fand sich zunächst in einer fensterlosen Kuppelhalle wieder. Der Turm selbst wird über zwei Treppen erschlossen, die  sich im oberen Bereich vereinen.

Blick zu einem der seitlichen Pfeiler, die einst einen Adler trugen
Ein Ausblick bietet sich u.a. vom Balkon über dem Dreicksgiebel sowie von der Aussichtsplattform. Die Pfeiler, die den Rundbau im oberen Bereich flankierten, sollen einst Adlerfiguren getragen haben. Auf alten Postkarten sind diese noch deutlich erkennbar, wurden aber wohl nach dem zweiten Weltkrieg abgeschlagen. Zudem "ziert" eine Antennenanlage seit den 80er Jahren die Kupel. Erstaunlich ist es dennoch, dass dieses Bauwerk immer noch viele Gäste anlockt. Leider ist der Ausblick auf die Oder nur bedingt möglich, weil die Bäume, in den letzten Jahrzehnten in den Himmel wuchsen. Früher soll der Blick auf die Oder bereits auf dem Vorplatz des Bismarckturms möglich gewesen sein. Ein Aufstieg auf den Weinberg lohnt aber dennoch...

Blick zur Blattform des Bismarckturms
Otto von Bismarck, der sich selbst gerne als "pommerscher Juncker" bezeichnete, wurde am 1. April 1815 geboren. Heute ist er vor allem noch als preußischer Ministerpräsident und Reichkanzler bekannt und wird u.a. mit der Gründung des Deutschen Reiches, der Ausarbeitung der Verfassung und der Sozialgesetzgebung in Verbindung gebracht. Zudem hatte Bismarck eine starke Bindung nach Pommern. So war er Deputierter des Kreises Naugard, wurde 1845 Mitglied des pommerschen Provinziallandtages und heiratete am 28. Juli 1847 Johanna von Puttkammer in ihrem Geburtsort Reinfeld im Landkreis Rummelsburg. Zudem erwarb Bismarck am 7. Juni 1867 das Rittergut Varzin. Von Bedeutung waren auch die Aufenthalte Bismarcks auf der Insel Rügen. So weilte er mehrfach auf Einladung des Fürsten zu Putbus in dessen Residenz. Hier entstanden auch die "Putbusser Diktate", die Eingang in die Verfassung des Norddeutschen Bundes und die spätere Verfassung des Deutschen Reiches fanden. An diese Zeit Bismarcks erinnert im Park auch der sogenannte Bismarck-Stein. Bismarck starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsuh bei Aumühle.

Weitere Informationen über das Informationsportal der Bismacktürme

https://www.inselreport.de/p/stettin.html