Samstag, 11. Mai 2019

Schon gelesen? (43) "700 Jahre Stadt Garz"

Einbandgestaltung des neuen Garz-Buches zum städtischen Jubiläum

Sie ist die älteste Stadt der Insel Rügen: Garz. Anläßlich des 700-jährigen Stadtjubiläums erschien dieser Tage nun eine Festschrift der Stadt Garz und des Heimatverbandes Garz e.V., die auch dem Wesen der Stadt der Stadt gerecht wird. Klar in der Art der Gestaltung und inhaltlich unaufgeregt hält man Rückschau auf eine bewegte Vergangenheit, an der die Garzer Bürger Anteil nehmen.
Darstellungen zu den Ausgrabungen auf dem "Schlossberg"
Dies beginnt schon mit der äußeren Gestaltung des Einbandes. Sie lag in der Hand der Künstlerin Silke Tolk-Ninnemann. Auch das Ernst Wiedemann, dem Gründer des ersten Museums der Insel (das heutige Ernst-Moritz-Arndt-Museum), ein Vorrang beim Blick in die Geschichte gewährt wird, ist folgerichtig. Er stellt jedoch bereits auf den ersten Seiten klar, dass die Stadt Garz wahrscheinlich weitaus älter ist, als man annimmt, denn: 1319 war lediglich das Jahr der Ersterwähnung. Das ist für pommersche Städte nicht ungewöhnlich, da es schon mal an erhaltenen Urkunden mangeln kann. Besonders ist aber, dass Garz - im Gegensatz zu Stralsund oder Bergen - nach Schweriner Recht bewidmet und gleich "im ersten Jahrhundert seines städtischen Daseins" mit Rugendal vereinigt wurde.
So sportlich ist Garz! - Auch das Vereinsleben wird reflektiert
Weder Ernst Wiedemann noch Arnold Ruge, der auf die bemerkenswerte Beziehung zwischen Garz und Witzlaw III. eingeht, kommen dabei an Ernst Moritz Arndt (1769-1860) vorbei. Der Rüganer, der derzeit "quicklebendig" wie nie den politischen Diskurs in der pommerschen Universitätsstadt Greifswald beherrscht, feiert selbst in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Sein Geburtshaus steht in Groß Schoritz, das erwähnte Garzer Museum trägt seinen Namen und auch die Arndt-Gesellschaft ist eng mit der Stadt Garz verbunden (dem trägt man auch in diesem Buch noch einmal gebührend und ausführlich Rechnung). Hier bietet er jedoch mit seinem Märchen von der Prinzessin Svanvithe den idealen Einstieg zu den Betrachtungen rund um den Garzer Burgwall. Der bewegt schon lange die Menschen, ließ sie Grabungen durchführen, um die Geheimnisse der Vergangenheit zu lüften - von denen Prof. Dr. Achim Leube noch zu berichten wußte. Nahtlos fügt sich hierauf ein Beitrag von Dr. Fred Ruchhöft an, der erklärt, warum Garz nicht das berühmte "Karentia" sei. 

Nachdem Felicitas Spring im Anschluß von einem Vermesser zu erzählen weiß, der offensichtlich mit seinen Gehilfen 1695 Garz und das Umland vermessen hat, darf natürlich bei einer Stadt wie Garz auch nicht die Geschichte des einstigen Rathauses fehlen. Allerdings wird auch schnell klar: Bis dieses errichtet wurde, traf man sich in den Häusern der jeweiligen Bürgermeister. Und nicht nur das: In der Einweihungsrede des einstigen Rathauses gibt Bürgermeister Jacob Andersen im Mai 1747 auch zur Kenntnis, dass er die Charenza-Sage anzweifle, dass das Stadtrecht von Stralsund in der Burg Garz beurkundet worden sei und das im gleichen Zuge städtische Privilegien  und ein Stadtsiegel an Garz verliehen worden wären...
Auch den Ortsteilen wird Aufmerksamkeit geschenkt - hier ein Beitrag zur Schulentwicklung auf Zudar
Wie dem auch sei: Garz war schon immer eine lebendige Stadt, die durch Handwerk und Bürgersinn geprägt wurde. So ist auch dieses 232 Seiten starke Buch ein Spiegelbild dessen. Karsten Duhm beispielsweise kommt auf die verschiedenen Traditionen seiner Familie zu sprechen, dessen Angehörige als Glaser, Tischler oder Zimmerer tätig waren. Leo Cusell berichtet daneben von der Tradition des Schiedehandwerks in seiner Familie, Dirk Koepke über seine Tischlerei oder Gerd Widegreen darüber, wie er sein Hobby zum Beruf machte. Er wurde schließlich sogar Elektromeister und beschritt den Weg in die Selbständigkeit.

Es ist die Vielfalt der Geschichten und Gedichte, die dieses Buch zum Stadtjubiläum zu einem ganz eigenen Leseereignis machen. Auch weil die Ortsteile inhaltlich nicht vergessen werden. Für Garzer hat vieles dabei mit ihrem Alltag zu tun, in dem sie leben und arbeiten oder aber auch in Vereinen ehrenamtlich mitwirken. Für Rüganer vermag das Buch den Blick auf Garz zu verändern, vielleicht sogar dazu bewegen, einfach mal den Burgwall und die Stadt öfter zu besuchen, um mehr zu erfahren.

Das Buch "700 Jahre Stadt Garz" - mit einem Vorwort von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, der Garzer Bürgermeisterin Gitta Gohla und Werner Beug, dem Vorsitzenden des Heimatverbandes Garz e.V. - ist gerade in dieser Woche aus der Druckerei gekommen und im Garzer Ernst-Moritz-Arndt-Museum für 19,95 EUR erhältlich. Außerdem kann das im Verlag Edition Pommern erschienene Werk auch über den guten Buchhandel unter der ISBN 978-3-939680-51-2 bezogen werden. Es ist mit Liebe zur Heimat entstanden und eine Leseempfehlung!

Beschwingt geht es nicht nur beim Frauenchor Garz zu...

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