Freitag, 17. Mai 2019

Stirbt die Schule, stirbt der Ort...

Begrenzte Perspektive? Die Regionale Schule in Binz...
Stralsund / Rügen (PA). Die "Bürger für Vorpommern-Rügen" nehmen in einer Pressemitteilung Stellung zur aktuellen Bildungspolitik im Landkreis Vorpommern-Rügen. Kritik üben sie dabei nicht nur am Schulentwicklungsplan des Landkreises Vorpommern-Rügen für die allgemein bildenden Schulen sondern auch an der Bildungspolitik der Landesregierung von SPD und CDU. 

Laut dem derzeitgen Stand haben gleich mehrere Schulstandorte eine begrenzte Perspektive. Davon betroffen sind beispielsweise die Städte Putbus und Garz sowie die Gemeinden Binz, Gager, Sellin, Göhren, Sagard, Wiek, Altenkrichen, Vitte, Zingst, Lüdershagen, Dierhagen, Velgast und Tribsees. Die dort betroffenen Grund- bzw. Regionalschulen werde nur noch im 5-jährigen Planungszeitraum weitergeführt. Den Grundschulen in Brandshagen, Horst und Reinberg drohe bereits das "Aus". Ihre Schüler sollen laut Schulentwicklungsplan zukünftig in Miltzow zur Schule gehen.

Der Kampf um die Schulstandorte sei nicht neu, so die "Bürger für Vorpommern-Rügen". Schließlich würde am Schulstandort auch die Entwicklung eines Ortes hängen. Welchen positiven Einfluß dabei eine Bildungseinrichtung auf einen Ort habe, ließe sich auf der Insel Rügen exemplarisch über einen längeren Zeitraum an Putbus nachweisen. Erst mit dem Wegfall von Bildungseinrichtungen - wie dem Pädagogium oder später der Regionalen Schulen - verknüpft sich auch der allgemeine Niedergang von Putbus. Heute würden Familien, die ihren Lebensmittelpunkt in einem Ort des Landkreises Vorpommern-Rügen begründen, zu Recht die mangelnden Perspektiven beklagen: Zunächst mangele es an Kindertagesstätten, später am nicht garantierten Bestand von Schulen. 

Fragwürdig wäre in diesem Zusammenhang beispielsweise auch die Bildungspolitik des Landes in Bezug auf Klassenstärken sowie die Ein- bzw. Zweizügigkeit. Leider wirke sich der Unterrichtsausfall zusätzlich negativ auf Schulstandorte aus, bei denen die staatlichen Schulen in Konkurrenz zu freien Trägern ständen. Zwar sei nachvollziehbar, dass der Lehrermangel die Abdeckung des Unterrichts erschwere, jedoch fehlten heute die Lehrer, die Anfang der 90er noch mit staatlichen finanzierten Umschulungsprogrammen in die Wirtschaft gedrängt wurden. Diese damals entstandenen Jahrgangslücken könnten heute auch nicht durch Quereinsteiger geschlossen werden. Zudem könne man angesichts der Anforderungen die beispielsweise an Oberstufenlehrer gestellt würden, kaum von einer Perspektive im Beruf sprechen. Deren Arbeitsleben beginne ab Anfang 30 und sei dann zusätzlich mit abzuzahlenden Studienkrediten belastet. Festzustellen sei auch, dass nur 35% der Lehramtsstudenten das zweite Staatsexamen schaffen und somit auch in der Oberstufe als Lehrer tätig werden können. Wer sich ernsthaft Gedanken um die zukünftige Gestaltung von Schule mache, so die "Bürger für Vorpommern-Rügen", müsse sich schon fragen, was eigentlich mit den restlichen 65% passiere? 

Auch sei die durch das Land festgelegte Unzumutbarkeit der Wegezeiten für Schüler - in der Grundschule betrüge die festgeschriebene Schulwegzeit 2 x 40 Minuten, in der Regionalen Schule, der Gesamtschule sowie dem Gymnasium 2 x 60 Minuten - fragwürdig. Die "Bürger für Vorpommern-Rügen" fragten sich deshalb auch, wie gesund solche Belastungen für Kinder und Jugendliche seien? Es stehe außer Frage, dass die Bildungsmisere ein Ergebnis der durch das Land vorgegebenen Rahmenbedingungen sei. Daran hätte wohl auch die Novellierung des Schulgesetzes, die nun auf die Zeit nach (!) den Kommunalwahlen verschoben wurde, nichts geändert.

Diskussionswürdig sei zudem auch der Wegfall von Fahrtkosten im öffentlichen Nahverkehr bzw. deren Übernahme durch den Landkreis Vorpommern-Rügen. So sei zu prüfen, welche Wirkung das Instrument, welches ursprünglich zur Entlastung der Eltern gedacht sei, auf den Niedergang von Klassenstärken an staatlichen Schulen habe, die in direkter Konkurenz zu Schulen privater Träger in den Nachbargemeinden stehen. Hier sei speziell auf das Beispiel des Ostseebades Binz auf Rügen verwiesen, deren Regionalschule auch nur noch im 5-jährigen Planungszeitraum weitergeführt wird. Dabei sei auch anzumerken, dass die finanzielle Förderung der Standorte Saßnitz und Sellin durch die Landesregierung, nicht ohne Wirkung auf Binz bleiben werde.

Bezogen auf Vorpommern als Landesteil, der einen weiteren Geburtenrückgang zu erwarten habe und dessen Altersdurchschnitt bei den Bürgerinnen und Bürgern weiter steige, bedürfe es einer neuen Bildungspolitik, die diesen Entwicklungen Rechnung tragen. Dies dürfe aber nicht bedeuten, dass die Anzahl der Schulschließungen und der Niedergang der davon betroffenen Orte weiter gehe. Wichtig wäre stattdessen auf Klasse statt Masse zu setzen und damit auch dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Andernfalls habe man am Ende nur noch Schulzentren in den zentralen Städten und Schüler, die als "fahrendes Volk" unterwegs wären. Und dies gelte es auch im Interesse des Familienlebens zu verhindern. 

Erst kürzlich sagte die Minitserpräsidentin Manuela Schwesig (SPD): "Wir brauchen ein Schulgesetz in Mecklenburg-Vorpommern, das in der Praxis gut ankommt und breit getragen wird." Die "Bürger für Vorpommern-Rügen" fragten sich allerdings, bei diesen einleuchtenden Erkenntnissen, warum diese nicht schon längst die Grundlage für das Handeln der Landesregierung von SPD und CDU wäre.