Montag, 10. Juni 2019

Zweierlei Maß: Umwelt- und Geopolitik vor Rügen


Diese Fotos dürfte es eigentlich nicht geben: Das LNG-Flüssiggas-Lager bei Swinemünde auf Wollin
Swinemünde (PA). Swinemünde, die Stadt an der Swine, hatte bedingt durch ihre geografische Lage in der Vergangenheit bereits drei wichtige Funktionen: Sie war Standort für den sich entwickelnden Tourismus, wurde militärisch und für die maritime Wirtschaft genutzt. Seit 2010 ist sie auch von energiepolitischer Bedeutung, denn westlich der Swine - auf der Insel Wollin - entstand ein Umschlagplatz für LNG-Flüssiggas, ein bis zu −162 °C heruntergekühltes Erdgas welches mit Flüssiggas-Tankern über die Weltmeere "geschippert" und schließlich in der Pommerschen Bucht angelandet wird.

Die Investitionen für das neue Projekt des LNG-Terminals Swinemünde sollen bisher etwa 700 Millionen EUR gekostet haben. Zur Küste wird nun das Flüssig-Erdgas im tiefkalten Zustand mit den Tankern gebracht und in isolierten zylindrischen Lagertanks unter atmosphärischem Druck zwischengelagert, bis es in gasförmigem Zustand über Rohrleitungen weiter transportiert werden kann. Die Kapazität des LNG-Terminals soll nach den ursprünglichen Plänen einen Umschlag von 5 Mrd. m³ pro Jahr ermöglichen und auf Perspektive sogar noch gesteigert werden. Erst am 25. April 2019 soll die Republik Polen eine Vereinbarung über die Gewährung von Zuschüssen aus dem EU-Programm für Infrastruktur und Umwelt unterzeichnet haben. Ziel sei es, so verschiedene Quellen, die Kapazität des LNG-Terminals in Swinemünde auf 7,5 Mrd. m³ zu steigern. Auch im Umfeld der LNG-Anlage ist viel passiert und wer eine Wanderung nördlich des Swinemünder Stadtteils Swine unternimmt und die Gleise der Bahnstrecke nach Misdroy überquert, kann sich davon selbst ein Bild machen. In diesem Jahr fanden noch letzte Arbeiten an den Außenanlagen, vor allem an der Zuwegung, statt. Parallel dazu hat nun die 60. Flüssiggas-Lieferung den LNG-Terminal von Swinemünde erreicht.
Hier wird das Flüssiggas mit großen Tankern angelandet und über Rohrtrassen zu den Tanks transportiert...
Die Lieferung wurde vom LNG-Tanker "Al Ghashamiya" durchgeführt, der in Katar beheimatet ist und über ein Tankvolumen von 217.000 Litern (!) LNG-Gas verfügt. Er "schipperte" seine Ladung an der Insel Rügen vorbei in die Pommersche Bucht. Und auch die Anladung der 61. Lieferung ist bereits Anfang Juni 2019 in Sicht. Aber nicht nur aus Katar soll das Flüssiggas zukünftig kommen, sondern auch aus den Vereinigten Staaten. Dies ist einer der Gründe, weshalb Swinemünde nicht nur von energiepolitischer sondern auch von geopolitischer Bedeutung in Washington ist, denn in den Vereinigten Staaten sucht man auf Grund des Schiefergas-Booms schon seit längerem nach neuen Absatzmärkten. Nun also Europa...

In diesem Zusammenhang sei auch ein weiteres Projekt erwähnt, über das in deutschen Medien kaum berichtet wird: "Baltic Pipe". Das Infrastruktur Projekt, von welchem der "Inselreport" bereits mehrfach und umfassend berichtete, soll einmal 10 Milliarden m³ Erdgas von der Nordsee (Norwegen) nach Polen sicher stellen. Von hier aus soll die Versorgung der baltischen Staaten erfolgen. Erst im April 2019 gab es um das Vorhaben zahlreiche Aktivitäten. Der Grund, weshalb man auf den Zeitplan genau achtet? Im Jahre 2022 läuft Polens langfristiges Abkommen zur Gasversorgung durch Gazprom aus. Zu welchen Konditionen dann russisches Erdgas dann noch gekauft werden kann, ist unklar. Fest steht jedoch, dass die 10 Milliarden m³ Erdgas, die ab 2022 aus der Nordsee kommen sollen, exakt der Größenordnung der derzeitigen Lieferungen durch Gazprom entspricht.
...und anschließend in isolierten zylindrischen Lagertanks unter atmosphärischem Druck zwischengelagert

Übrigens: Die Pipeline "Baltic Pipe", die an Rügen vorbei nach Dänemark führen soll, oder die LNG-Flüssiggas-Tanker, die sich von Katar oder den Vereinigten Staaten, durch die Ostsee bewegen, sind für WWF oder Naturschutzbund offensichtlich kein Problem. Als eine diesbezügliche Anfrage 2018 beispielsweise beim Naturschutzbund in Schwerin erfolgte, zeigte man sich dort ahnungslos. Und auch der WWF hat derzeit wohl kein Problem mit der Pipeline "Baltic Pipe". Protestankündigungen? Klagen? Fehlanzeige.

Beide "Nichtregierungsorganisationen" hatten noch im letzten Jahr massiv gegen das Pipeline-Projekt "Nordstream 2" Front gemacht. Der Naturschutzbund klagte, unterstützt vom WWF, sogar gegen den Planfeststellungsbeschluß des Bergamtes Stralsund. Das es nur beim Bau der polnischen Pipeline "Baltic Pipe" keine negativen Auswirkungen auf streng geschützte Arten - wie Schweinswale, Flussneunaugen und Meeresenten sowie seltene Lebensräume wie Mergelriffe und Großalgenbestände - gibt, kann man nicht glauben. Kritiker der beiden Organisationen vermuten viel eher, dass sie selbst Teil des geopolitischen Machtspiels zwischen den Vereinigten Staaten und Russland um die Absatzmärkte sind, welches sich derzeit vor Rügen abspielt. Allerdings dürfte verwundern, dass durch deren Aktivitäten ausgerechnet die Vereinigten Staaten davon profitieren könnten - Also das Land, welches mit dem Export von Fracking-Gas (ein Gas welches die irische Initiative "Safety before LNG", die u.a. von Pierce Brosnan Unterstützung erfuhr, für "schmutziger als Kohle" befindet) auch verheerenden Klimafolgen verursacht. Aber mit dem Umweltschutz - siehe Schwebebrücke am Königsstuhl - so die Kritiker von Naturschutzbund und WWF, nehmen es beide "Nichtregierungsorganisationen" ohnehin nicht so genau.

Weitere Informationen zum Thema "Geopolitisches Gerangel vor Rügen":


Aufnahme der LNG-Flüssiggaslagers aus luftiger Höhe