Freitag, 19. Juli 2019

Was die neue Bildungsministerin Ihnen verschweigt...

Viel Glück können junge Menschen heute brauchen, denn Ihre Zukunft steht auf dem Spiel
Grimmen (PA). Gibt es gute Gründe sich um die Zukunft seiner Kinder zu sorgen? Warum gibt es so viel Unterrichtsausfall? Und: Warum gibt es überhaupt einen Lehrermangel? Am Anfang des nachfolgenden Interviews gab es viele Fragen. Aber: Machen Sie sich doch selbst ein Bild von der Bildungspolitik in MV. Wir sprachen mit einer jungen Lehrerin über ihre Berufung und Situation...

Wer an seine Schulzeit zurückdenkt, verbindet damit ganz unterschiedliche Erinnerungen. Prägend dafür, wie man diese Zeit jedoch im Rückspiegel betrachtet, waren vor allem die Lehrer. Annette*, wann reifte in Ihnen der Wunsch Lehrerin zu werden? Und: Was motivierte Sie dazu jenen Beruf zu ergreifen?

Annette*: Der   Ehrgeiz   Lehrerin   zu   werden   wurde   während   meiner  Abiturzeit   geweckt.   Nur   die wenigsten Lehrer gingen wertschätzend mit uns Schülern um. Doch vor allem diese in den Schulen mangelnde   Eigenschaft   würde   besonders   unterstützend   wirken,   um   gemeinsame Lernprozesse   zu fördern und Angst abzubauen. Ich erinnere mich überwiegend ungern an meine Schulzeit zurück, denn sie war geprägt von einer angespannten Unterrichtsatmosphäre, einem enormen Pensum an Lernstoff und kurzen Nächten. Aus diesem Grunde entschied ich mich das Lehramtsstudium am Gymnasium aufzunehmen und zur Verbesserung der Schulqualität beizutragen, denn bereits damals hieß es, dass in Zukunft jeder Lehrer zählen würde.

Nun  wurden Sie  in   Vorpommern   geboren   und   haben   an   einer   unserer Landesuniversitäten   das Lehramtsstudium  aufgenommen.  Wie   lange   ist   die   dort   übliche   Regelstudienzeit   für zukünftige Lehrer? Und: Gibt es Gründe warum diese überschritten werden könnten?

Annette*: Ich   gehöre   zu   den   Jahrgängen,   die   noch   das    ́alte ́   Staatsexamen   absolviert   haben, bevor   das Lehramtsstudium an meiner damaligen Universität in Bachelor und Master umgewandelt wurde. Es waren 9 Semester für den Abschluss mit dem erstem Staatsexamen angesetzt. Mittlerweile sind es 10 Semester und das Referendariat dauert(e) zusätzliche 18 Monate. Zu meiner Zeit konnten viele junge Leute die Regelstudienzeit schon aus finanziellen Gründen nicht einhalten, weil sie, wie ich auch, einen Nebenjob ausführten, um sich über Wasser zu halten, denn das Bafög erhielt man meist nur solange alle Prüfungsnachweise fristgemäß vorgelegt wurden. Oben drauf kamen die schlechten Rahmenbedingungen der Universität, denn es konnten nicht immer alle Kurse belegt werden, welche für das Grund- und Hauptstudium angesetzt waren, weil dies die Kapazität der Seminarräume nicht zuließ. Manchmal gab es 70 Bewerber auf nur ein Seminar, das für 30 Studenten ausgelegt war, so dass letztlich z.B. nach Zeitpunkt der online-Einschreibung ausgewählt wurde.

Auf der Seite Lehrer-in-MV.de, die vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur betrieben wird, heißt es: Studieren, wo andere Urlaub machen. Beworben wird unter anderem deine ehemalige Universitätsstadt - nicht mit der Qualität des Studiums - sondern mit Freizeitangeboten und der Nähe zum Strand. Das klingt eher nach einem lockeren Studentenleben und nicht nach einem fordernden Studium. Wie hasben Sie Ihr Studium empfunden und wieviel Zeit bleibt einem, wenn man seinem Studium ernsthaft nachgeht?

Annette*: Für mich war das Studium Fluch und Segen zugleich. Ja, wir haben in unserem Land das Privileg auf Bildung und ja, wir haben die wenige Freizeit zwischen Prüfungen, Hausarbeiten, Praktika und dem Nebenjob genossen, um in Wassernähe Kraft zu tanken und uns gegenseitig zu motivieren. Als Segen empfand ich beispielsweise die Zeugnisübergabe zum ersten Staatsexamen und dachte, dass sich mitdiesem hart erkämpften Stück Papier alles zum Guten wenden würde. Es fühlte sich zumindest füreinen Moment an wie ein Freifahrtsschein, um „einen neuen Kurs zu setzen, Anker zu legen und MEER" zu erreichen.

Nun haben Sie das Studium mit “gut“ abgeschlossen. Wie ging es danach weiter?

Annette*: Nach   dem   ersten   Examen   folgte   die   nächste   Hürde.   Wir   Gymnasiallehrer   durften   den Vorbereitungsdienst   nicht   nahtlos   antreten.   Warum?   Das   frage   ich   mich   bis   heute,  denn für Regionalschullehrer ist dies möglich. Um entsprechend nicht arbeitslos zu sein, musste ich mich übergangsweise auf Stellen bewerben, die mir einen lückenlosen Lebenslauf ermöglichten, so dass bis zum Antritt des Referendariats 1 ½  Jahre vergingen, bis eine Stelle für das zweite Examen gefunden wurde, welches glücklicherweise hinter mir liegt.

Für Außenstehende scheint das Lehramtsstudium ein sehr langer Prozess zu sein, um  letztlich  im Arbeitsleben   anzukommen. In der Werbung klingt das ganz anders. Mit   wieviel   Jahren   schafft   es   ein   fertiger   Gymnasiallehrer in den Beruf einzusteigen?

Annette*: Ich  wurde  mit 6  eingeschult,  habe 13  Schuljahre  und einen Auslandsaufenthalt hinter mir. Das Studium   folgte   und   die   30   Lebensjahre   sind   –   ohne   Kind   und   Kegel   -   rasch   vorüber. Man fragt sich, wie Alleinerziehende das Studium meistern.

Wer zur Schule gehende Kinder hat bzw. hatte, dem ist das Thema "Unterrichtsausfall" bekannt. In diesem Interview haben wir bereits die Seite Lehrer-in-MV.de angesprochen. Auf großen Plakaten bewirbt das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern diese Internetseite, um neue Lehrer für unser Land zu gewinnen. Demnach sind allein in Mecklenburg-Vorpommern 259 Stellen, davon 237 Lehrerstellen frei (Stand: 19. Juli 2019). Sie sind Lehrerin und wurden in MV geboren. Da könnte man meinen, dass Sie sich vor Stellenangeboten kaum retten können, richtig?

Annette*: Tatsächlich gab es einige Stellen, die für meine studierte Fächerkombination geeignet gewesen wären und ich hatte bereits mündliche Zusagen, worüber ich überglücklich war. Das Problem ist, dass sich sehr kleine Zeitfenster für die Bewerbung bilden, so dass es dem Bewerber sehr schwer gemacht wird sich wohlbedacht für die für ihn am meisten geeignete Stelle zu entscheiden. Dies betrifft nicht nur den Beruf sondern auch das Privatleben. Wer erst verbeamtet ist, der trifft auf eine mit langer Wartezeit und etlichen Versetzungsanträgen verbundenen Versetzung innerhalb des Bundeslandes, was die Familienplanung keinesfalls fördert und unsere Lebensqualität als Lehrkraft stark beeinträchtigt, denn während des Studiums blieb ebenfalls kaum Luft, um eine eigene Familie zu gründen. Gehen wir dagegen nur ins Angestelltenverhältnis oder werden dazu gezwungen, so verdient man weniger Geld für dieselbe Leistung. Und: Die Wahrheit ist, dass ich knapp zwei Wochen vor dem eigentlichen Dienstbeginn zum 1.August 2019 immer noch keinen Arbeitsvertrag auf dem Tisch habe und – trotz Zusage durch eine Schule – keine Kommunikation seitens des Schulamtes erfolgt. Wer das liest, wird spätestens an dieser Stelle merken, dass sich MV´s Bildungssystem selbst im Weg steht, denn die Lehrer sind definitiv unter uns und warten auf Erlaubnis zur Dienstbereitschaft.

Wo liegt aus Ihrer Sicht das Problem?

Annette*: Ein Problem stellt die mangelhafte bis ungenügende Kommunikation mit uns dar. Ich habe meine Unterlagen beispielsweise per Einschreiben und E-Mails via Lesebestätigung verschickt. Dreimal dürfen Sie raten, was passiert ist… Keine Reaktion seit Mai 2019. Es musste ein Umzug auf blauen Dunst geplant werden, welcher sich dem 2. Staatsexamen anschloss. Lehrer nehmen einiges in Kauf, um unserem Land zu dienen, doch mit welchem Dank? Hätten wir im Studium auch nur eine Meldefrist verpasst, so wären wir exmatrikuliert worden. Hat das Land einen Fehler bezüglich des Besoldungsgesetzes gemacht, so steht nun unsere Verbeamtung bzw. Nichtverbeamtung und Besoldung auf dem Spiel! Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich nicht, wovon ich ab August leben soll. An dieser Stelle möchte ich an etliche im Juni 2019 veröffentlichte Artikel in lokalen Zeitungen verweisen, in denen genau dieses Dilemma geschildert wurde und bis heute hängen wir Junglehrer in der Luft. Dass ich mich kaum traue meine Umzugskartons auszupacken, weil der nächste arbeitsbedingte Umzug vor der Tür stehen könnte, ist wohl nachzuvollziehen. Ich bin nun das dritte Mal seit 2016 umgezogen. Um ehrlich zu sein: Ich komme mir mittlerweile vor wie ein Vagabund...

Geht es nur Ihnen so? Wie sieht es bei Ihren ehemaligen Mitstudenten aus?

Annette*: Es geht auch anderen Lehramtsstudenten und Lehrern so wie mir. Einige von ihnen haben Verträge über nur 8 Wochenstunden (!) angeboten bekommen. Das empfinde ich als absolute Demütigung, zumal man sich fragt: Wovon soll ein Lehrer dabei leben. Und dafür hat man jahrelang studiert und bleibt in unserem Bundesland?

Wenn Sie derzeit keine Anstellung haben, wovon leben Sie? Und: Gibt es noch Verbindlichkeiten durch Ihr Studium?

Annette*: Mein Bafög habe ich vor einigen Jahren abbezahlt. Zwei Studienkredite sind noch in der Tilgungsphase, obwohl ich jahrelang einem Nebenjob nachgegangen bin. In MV zu studieren, fühlt sich an als würde man nie ans Ziel kommen und gegen Windmühlen kämpfen. Für die nächsten zwei Wochen lebe ich noch von meinen Bezügen des Referendariates. Da ich auch noch nichts vom  Schulamt gehört habe, weiß ich noch nicht, wovon ich ab 1. August 2019 meine Miete bezahlen werde.

Nun hört man von Quereinsteigern im Lehrerberuf und davon, dass sogar Pädagogen aus dem Ausland angeworben werden sollen. Können Sie das verstehen?

Annette*: Ehrlich gesagt empfinde ich die momentane Situation als Katastrophe. Wir Gymnasiallehrer sollen eventuell nicht an Regionalschulen verbeamtet werden und falls doch, dann erhalten wir weniger Bezüge. Nach dem Referendariat suchen wir Lehrer nach Stellen und Quereinsteiger werden nach meinem Empfinden auf Händen getragen. Wenn jetzt auch noch Pädagogen aus dem Ausland herangezogen werden, dann wird das Schulsystem noch mehr strapaziert als ohnehin schon. Meine Meinung? Das Land sollte sich um qualifizierte Studienabgänger kümmern, die noch in MV sind, bevor alle Qualifizierten das Handtuch schmeißen und wegziehen, um dieses Bundesland hinter sich zu lassen.

Hat Bildung noch einen hohen Stellenwert im vielbemühten "Land der Dichter und Denker"? Oder: Was müsste sich in unserem Land ändern, damit Bildung wieder einen höheren Stellenwert erhält?

Annette*: Bildung kostet Geld und man sollte nicht am falschen Ende sparen. An den Schulen fehlen Lehrer! Die Qualität des Unterrichts sollte nicht auch noch am fehlenden Kopierpapier scheitern. Wenn es entsprechend Gymnasiallehrer gibt, die sich auf solche Stellen bewerben, dann sollte MV stolz und dankbar sein. Unser Bundesland braucht ein System, das transparent für Schüler, Eltern und Lehrer ist. Das sogenannte „Karriereportal für den Schuldienst in MV“ sollte verwirklichen, was es mit den vielen Werbesprüchen verspricht. Worte wie „Sei mein/e Lehrer/in, wenn du meine Zukunft im Blick hast“ (Quelle: https://bit.ly/2LmEw0u, Stand: 13/06/2019) bringen uns nicht weiter, denn zuerst muss das Ministerium die Zukunft der Lehrer im Blick haben und es müssen umgehend Taten folgen. Vielleicht werden wir dann auch einmal wieder ein "Land der Dichter und Denker" werden. Derzeit hat Bildung keinen Stellenwert.

Wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute.

*) es erfolgte eine Änderung des Namens zum Schutz der Identität.