Sonntag, 29. September 2019

Umweltskandal in Prora

Fragen über Fragen zum Umweltskandal in Prora...
Binz (PA). In der letzten Gemeindevertretersitzung am Donnerstag, den 19.September 2019, kam es beim Tagesordnungspunkt 30 (Information Verdichtungsmaterial Parkplatz „Alte Schule Prora“) zu mehreren Anfragen von Gemeindevertretern an die Binzer Gemeindeverwaltung und damit an die Baumamtsleiterin Romy Guruz, die vor etwa zwei Jahren die Nachfolge von Gudrun Reimer angetreten hat.

Da diese aus Sicht der Gemeindevertreter jedoch keine befriedigenden Antworten geben konnte, trafen sich nun fünf Gemeindevertreter der Wählergruppen „Bürger für Binz“ und „aus der Mitte“ am gestrigen Samstag, den 28. September 2019, zu einem Termin vor Ort. Ziel war es dabei, sich selbst ein Bild zu machen. Schon zuvor hatte man bei der bereits erwähnten Gemeindevertretersitzung das Gutachten zu Bodenbeprobungen eingefordert.

Binzer Gemeindevertreter beim Termin vor Ort am gestrigen Samstag
Rückblick: Im Sommer 2019 wurde die Oberfläche des etwa 4.500 Quadratmeter großen Parkplatzes „Alte Schule Prora“ mit dem Abbruchmaterial (eines Betonrecycling-Gemisches) des alten Bestandsgebäudes,  hergestellt. Das nicht unübliche Verfahren hätte jedoch vorausgesetzt, dass dazu eine gesetzeskonforme Schadstofftrennung erfolgt. Dies wird wegen eines fehlenden Schadstoffgutachtens angezweifelt. Vielleicht einer der Gründe, weshalb am vergangenen Donnerstag nun die Oberfläche des Geländes geöffnet wurde und eine nachträgliche Baugrunduntersuchung durch ein Baugrundlabor der Insel erfolgt ist. Doch was vielen unbekannt ist: Neben zwei Bodenproben gab es bereits im Vorfeld eine dritte Entnahme.

Die für einige Binzer "unendliche Geschichte" begann allerdings bereits mit dem Abriss des ehemaligen Gebäudes. Seinerzeit soll es dazu keine Abbruchanzeige beim Landkreis gegeben haben, so dass es zu einem Abrissstopp durch eine Verfügung des Landkreiseses kam. Zwischenzeitlich war hier auch die Errichtung eines gigantisches Hochhaus geplant (Wir berichteten).

Mit dem bloßen Auge zu erkennen...
Nachdem die Auflagen des Artenschutzes - es soll hier nicht nur Fledermäuse, sondern auch die Glattnatter gegeben haben - endlich erfüllt werden konnten, wurde schließlich mit dem Abriss des Gebäudes „Alte Schule Prora“ begonnen. Augenzeugen berichteten damals, wie die Feuerwehr dazu ausrückte und die Kinder der benachbarten Kindertagesstätte „Proraer Seesternchen“ über den" tollen Sprühnebel" staunten. Medienwirksam, so bemerkten diese, wäre von einem "ökologischen Abriss" (Gemeinde Binz) die Rede gewesen. Wie die "Ostsee-Zeitung" berichtete, konnte sogar noch eine "Zeitkapsel"  gefunden werden. Ob nach Schadstoffen vor dem Abriss Ausschau gehalten wurde? Anscheinend nicht. Die Binzer Bauamtsleiterin, Frau Romy Guruz, äußerte später dazu, dass man dazu gesetzlich nicht verpflichtet sei. Hauptsache schöne Bilder? Von SiGePlan und SiGeKoordinator (*2) soll zu diesem Zeitpunkt auch keine Spur gewesen sein. Das ließ schon zu dieser Zeit Fragen bei Augenzeugen aufkommen - so die, weshalb für eine Gemeinde andere Rechte gelten würden, als für die normalen Bürger.

...die verunreinigte Fläche
Nach dem Abriss konnte der Parkplatz endlich ohne Baugenehmigung und mit dem Abbruchmaterial - es handelte sich um Betonbauteile u.a. mit Teeranstrich und Teerpappe, die vor Ort geschreddert wurden - errichtet werden. Als jedoch die "Ertüchtigung der Fläche" (Gemeinde Binz) abgeschlossen war, soll beim Landkreis Vorpommern-Rügen dazu eine Anzeige zur Errichtung eines Parkplatzes ohne Baugenehmigung eingegangen sein. Zudem soll es Ermittlungen wegen Umweltverschmutzung gegeben haben. Von einem Umweltskandal in Prora sprechen derzeit auch viele Binzer.

Ob dies der Anlaß war, zügig einen Zaun zu errichten? Ob der Kostenrahmen noch eingehalten werden kann? Dazu gibt es derzeit in Binz berechtigte Zweifel, denn: Der massive Bodenaustausch, bei dem das u.a. das mit Teer belastete Abbruchmaterial verwendet wurde, soll auch an weiteren Stellen verwendet und wieder ausgebaut worden sein. Die Fragen, die derzeit die Binzer und ihre Gemeindevertreter bewegen, bedürfen, wie viele von ihnen äußern, endlich einer schnellen Klärung. Einnahmen durch Parkgebühren sollen lt. Aussagen der Binzer Bauamtsleiterin, Frau Romy Guruz, übrigens nicht erzielt worden sein, da der Parkplatz noch nicht geöffnet war. Aber: Offensichtlich wurde der Parkplatz von vielen Autos doch als solcher genutzt. Grund genug also für weitere Nachfragen.

Parkplatznutzung ohne Geld?
Deutlich wurde am gestrigen Samstag bei der Begehung der Gemeindevertreter, dass nicht nur an der Oberfläche sondern auch im geöffneten Bodenbereich größere Verunreinigungen mit vermutlich PAK (*1) belasteten Teerreste zu finden sind - neben dem ganzen anderen Bauschutt. Ob es bereits eine Grundwasserschädigung gegeben hat, ist derzeit unklar. Wenn man den offiziellen Aussagen glauben mag, würde es mindestens fünf Jahre dauern, bis eine Belastung im Grundwasser angelangt sei. Beruhigend klingt das jedoch nicht. Und: Neben Antworten auf die bereits aufgeworfenen Fragen wird sicher auch zu klären sein, wer dafür verantwortlich war, wie die entstandenen Schäden überhaupt noch zu begrenzen sind und letztlich wieder beseitigt werden können. Die Öffentlichkeit fordert berechtigt Aufklärung. In jedem Falle wurde hier ein "ökologischer Fußabdruck" hinterlassen.

(*1) PAK: Polycyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)
Z2- Bodenklassifizierung Schadstoffbelastung
PAK: Polycyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) entstehen bei der unvollständigen Verbrennung von organischen Materialien. In den 50er bis 70er Jahren wurden auch in der DDR flächendeckend Asphaltkleber für Parkettboden und Abdichtungen für Dächer, Außenwände und Böden eingesetzt.
Benzo[a]pyren (BaP) aus der Gruppe der PAK sind stark krebserzeugend durch das Einatmen PAK-belasteter Stäube. Benzo[a]pyren (BaP) gilt bei der Bewertung als Leitkomponente für die in der teerhaltigen Abdichtung vorkommenden polycyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe.
Bewertungsgrundlagen
TRGS 551 „Teer und andere Pyrolyse-Produkte aus organischem Material“
TRGS 524 „Sanierung und Arbeiten in kontaminierten Bereichen"
TRGS 905 „Verzeichnis krebserzeugender, erbgutverändernder oder fortpflanzungsgefährdender Stoffe“

(*2) Ein SiGePlan (Sicherheits- und Gesundheitsschutz- Plan) und SiGeKo (Sicherheits- und Gesundheitsschutz-Koordinator) ist bei Vorhandensein von Gefahrstoffen oder Altlasten auch bei Abriss eines Gebäudes für den Bauherren vorgeschrieben.