Mittwoch, 11. September 2019

Zwischen Sund und Kap Arkona (48)

Die Kirche von Altefähr mit ihrem markanten Kirchturm und dem Eckuhrwerk
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Altefähr - Schon der Name sagt etwas zur Geschichte des Ortes, denn: bereits im 13. Jahrhundert soll es hier den Anlegeplatz einer Fähre gegeben haben: Altefähr! Und: Noch immer pendelt eine Fußgängerfähre zwischen der alten pommerschen Hansestadt Stralsund und dem Ort.

Blick zum Eingang in die Sakristei und in Richtung Altar und Beichstuhl
Es ist es auch keineswegs verwunderlich, dass der unmittelbar am Sund gelegene Ort schon recht früh über eine Kirche verfügte. Schließlich waren die Stralsunder Kaufleute, bei denen Altefähr auf dem Weg zu ihren Vitten (Heringsfang und Fischhandelsplätze, an die noch heute Ortsnamen wie "Vitt" auf der Halbinsel Wittow und "Vitte" auf der Insel Hiddensee erinnern) lag, auch um ihr Seelenheil bemüht. Und das konnten sie sich durch ihren Wohlstand, der sich aus dem Transport eingesalzener Heringe ziehen ließ, etwas kosten lassen...

Blick vom Durchgang zum Kirchturm in das Kirchenschiff
1325 findet eine „capella opposita civitati Stralsund“ dabei Erwähnung. Allerdings blieb von dieser Kapelle nichts erhalten. Stattdessen verortet man den heutigen Kirchenbau von Altefähr zeitlich in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Hier, wo man lange Zeit einen freien Blick auf den Sund hatte, soll zuerst die Sakristei errichtet worden sein. Sie ist - als ältester Teil des Gotteshauses - immernoch etwas Besonderes. Schließlich findet sie sich (für die wenigsten Besucher zugänglich) mit ihren wunderschönen Glasbildern der Reformatoren Martin Luther und Philip Melanchthon, die zuweilen vom Tageslicht durchflutet werden, seitlich des Altares. 

Glasbilder der Reformatoren Martin Luther und Philip Melanchthon in der Sakristei
Erst später wurden übrigens das Kirchenschiff und der Kirchturm errichtet. Heute erinnert das 1674 ausgemalte Kirchenschiff nicht nur durch den Namen an ein Wasserfahrzeug. Wer etwas genauer an die Decke des Kirchenschiffes schaut, könnte auch in dem 1737 eingefügten Tonnengewölbe einen umgekehrten Schiffsrumpf sehen. Dazu bedarf es allerdings etwas Vorstellungskraft. 

Modell des ersten Fährschiffes (1855-1895)
Überhaupt finden sich in der Kirche viele Bezüge zur Schiffahrt. So werden kurz vor dem Zugang zum Kirchturm im Westen des Backsteingebäudes gleich mehrere Modelle der Fährschiffe, die auf dem Sund verkehrten, ausgestellt. Zu den Miniatur-Nachbauten zählt so u.a. der erste Fährdampfer, der von 1855 bis 1895 auf dem Strom im Einsatz war, aber auch die sogenannte Motorfähre „Altefähr 2“.  Zuvor hatte bereits ein Schiffsmodell der „Malte Scheel, Altefähr“ unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. 

Schiffsmodell der „Malte Scheel, Altefähr“
Sie wurde mittig vom Tonnengewölbe abgehängt, wie es in pommerschen Schifferkirchen häufig anzutreffen ist. Die Länge dieser beeindruckenden Brigantine mit ihren gesetzten Segeln und einer Gallionsfigur am Vorsteven könnte gut einen Meter lang sein. Und auch eine Inschrift an der  Westwand setzt maritime Bezüge zwischen der Endlichkeit des Lebens und der Seefahrt. 

Bezüge zwischen der Endlichkeit des Lebens und der Seefahrt...
Beeindruckend wurde auch der Altar mit einer seitenverkehrten Kopie von Rubens Abendmahl gestaltet. Die  Arbeit stammt (wie zu erfahren war) von dem Stralsunder Michael Müller (1746). Und seitlich davon finden sich sogar noch die alten  Beichtstühle, die noch von ganz anderen Zeiten zu berichten wissen. 

Eine Stettiner Grünberg-Orgel - Ein musikalischer Begleiter in vielen pommerschen Kirchen
Auf der anderen Seite des Kirchenschiffes wird das Bild von einer Orgel aus der Stettiner Werkstatt von Grünberg bestimmt. Kaum auffällig ist, ihr zu Füßen, noch das Kirchturmwerk und der alte Wetterhahn zu bestaunen. Es sind Dinge, die man sonst kaum so nah betrachten kann, es sei denn man darf den Kirchturm besteigen. Zudem ist der Kirchturmhahn ja ohehin ein wichtiges "Markenzeichen". Schließlich zeigt er an, dass es sich um ein evangelisches Gotteshaus handelt, während katholische Kirchtürme dagegen immer ein Kreuz tragen.

Das Kirchenschiff von außen betrachtet
Wer noch einen genauen Blick von außen auf die Kirche von Altefähr wirft, kann auch hier Ungewöhnliches entdecken. So ragt der Backsteinbau von ziemlich großen Findlingen, die im Fundamentbereich verwendet wurden auf. Auch der dreigeschossige Turm ist sehr markant, wie er mit seiner Spitze in den Himmel ragt. Dies mag allerdings damit zu tun haben, dass er 1803 im oberen Drittel einstürzte. Es ist gut an seiner Holzverschalung auszumachen. Seine heutige Unverwechselbarkeit erhielt er im Zuge einer gründlichen Restaurierung vor etwa hundert Jahren. 

Auch mit schönen Sonnenuntergänge weiß man in Altefähr als Fotomotiv zu punkten
Heute liegt Altefähr für Rügen-Besucher eher abseits. Vielleicht gerade deshalb ein guter Tipp für einen Ausflug, zumal Altefähr nun auch den Status eines Seebades hat, über einen kleinen Hafen und sogar einen Strand verfügt. Ein Besuch lohnt sich also nicht nur wegen der baugeschichtlichen Zeitzeugen, die sich gegenüber der alten pommerschen Hansestadt Stralsund - diesseits des Sunds - befinden!


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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin) / Das "Hans-Mallon-Grabmal

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach