Freitag, 18. Oktober 2019

1919: Rügen und das Ende der Kolonialpolitik

Postkarte vom Waterberg
Wostewitz / Sellin (PA). Deutsche Kolonien und die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches sind für viele Rüganer und Deutsche kein Thema mehr. Was in unserem Alltag davon übrig geblieben ist? Vielleicht der „Sarotti-Mohr“ oder die kaum noch geläufigen Begriffe „Kolonialwaren“ oder „Kolonialwarengeschäft“. Dies ist sicher der Tatsache geschuldet, dass der persönliche Bezug dazu, beispielsweise durch eigene Familiengeschichte oder eine gesellschaftliche Reflektion, verloren gegangen sind. Zudem endete die Geschichte der Deutschen Kolonien mit der Unterzeichnung des Versailler  Vertrages am 28.Juni 1919 – also vor einhundert Jahren...

Friedrich von Lindequist (1862-1945)
Dennoch hat auch die Insel Rügen einige Bezüge zu den Deutschen Kolonien und der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches. Friedrich von Lindequist (1862-1945) ist einer von ihnen. Der am 15.September 1862 in Wostewitz geborene Rüganer war beispielsweise Kolonialbeamter im Deutschen Reich. Ende 1893 kam er nach Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia), wo er zunächst für den späteren Landeshauptmann und Kommandeur der Schutztruppe, Theodor Gotthilf Leutwein (1849-1921), tätig wurde und das Regionalbüro in Windhoek leitete. Kurze Zeit später wurde er Regierungsrat, Generalkonsul in Kapstadt und schließlich sogar Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika.  Als erster ziviler Gouverneur der deutschen Kolonie änderte er die Politik gegenüber den Eingeborenen. Auf ihn gehen u.a. die "Eingeborenenverordnung", der Ausbau der Eisenbahn, die Ansiedlung des Karakulschafes und die Ausweisung des ersten Wildschutzgebietes in der Region zurück. Dennoch gilt auch er heute als umstritten. Unklar ist aber ebenfalls, ob er aus Kritik gegen die Eingeborenen-Politik sein Amt aufgab...
Richard Kund (1852-1904)
Ein weiterer Bezug der Insel Rügen zu den Deutschen Kolonien ist Richard Kund (1852-1904). Der Offizier und Afrikaforscher starb am 31. Juli 1904 im Ostseebad Sellin. Heute noch finden sich im Ethnologische Museum, das zu den größten und bedeutendsten Einrichtungen seiner Art gehört, über 500.000 ethnografische, archäologische und kulturhistorische Objekte aus Afrika, Asien, Amerika, Australien und der Südsee. In diesen Sammlungen sind beispielsweise noch Zeugnisse, wie ein Gehänge, ein Ritualschwert oder ein Wurfmesser, die noch Richard Kund zugeordnet werden können. Er galt als einer der bedeutenden Forschungsreisenden seiner Zeit und hatte zahlreiche Verdienste bei der Erschließung Kameruns. Seine Expeditionen führten ihn u.a. in das Kongobecken und an die Batanga-Küste. Die angesprochene   „Batanga-Expedition“, der u.a. der Botaniker Braun und der Zoologe Weißenborn angehörten, erreichte im Januar 1888 den Sanaga. Damit waren Richard Kund und seine Begleiter die ersten Europäer, denen der Durchstoß durch den Urwaldgürtel und die Überschreitung des Njong gelang. Im Jahr darauf erfolgte unter Richard Kunds Führung sogar eine erneute Durchquerung des Urwaldes. Sie führte im Februar zur Anlage der Station Jaunde (heute: Yaoundé, die Hauptstadt Kameruns). Sie wurde als wissenschaftliche Forschungsstation und Basislager für den Elfenbeinhandel gegründet. Im Oktober 1889 kehrte Richard Kund nach Deutschland zurück, wo er im März 1890 von seinem Kommando entbunden und zum Großen Generalstab versetzt wurde. Nach seinem Abschied im Mai 1891 nahm er seinen Abschied und starb nach langem Siechtum im Ostseebad Sellin auf der Insel Rügen.

Sicher ließen sich weitere historische Bezüge zwischen der Insel und dem südlichen Kontinent herstellen. Wir sind also keineswegs soweit von Namibia oder Kamerun „entfernt“, wie es geografisch zunächst erscheint.