Samstag, 9. November 2019

Bevor die Mauer fiel: Grenzgänger (1)


Am Tag des Mauerfalls - heute vor 30 Jahren - soll auch das Thema "Innerdeutsche Grenze" ein wenig in den Blickpunkt gerückt werden, denn: An der Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik - kurz DDR - und der Bundesrepublik Deutschland - kurz BRD - gab es bis zur Deutschen Einheit immer wieder Streitigkeiten bzw. Unklarheiten über den tatsächlichen Grenzverlauf...

Insbesondere auf der Elbe war dies nicht eindeutig. Während die BRD der Ansicht war, die Grenze verlief am östlichen Elbufer, war die DDR der Auffassung diese verliefe Mitte Fahrwasser. Ein wirklich wichtiger und wirtschaftlicher Faktor. Schließlich ging es um den gesamten Schiffsverkehr auf der Elbe im Grenzverlauf. Kein Wunder also, daß es dadurch auch zu gefährlichen Situationen durch Abdrängen und Behindern von beiden Seiten kam. Hubschrauber des Bundesgerenzschutzes - kurz BGS - überflogen die DDR-Grenzboote und drückten ihnen das Wasser unter dem Propeller weg, damit sie manövrierunfähig wurden. DDR-Grenzer wiederum warfen Tampen in die Luft, um der Hubschrauberbesatzung zu signalisieren: "Nicht mit uns!"

Anders war dies jedoch am Schaalsee. Hier war die Grenze mit gelben Grenztonnen eindeutig markiert. Die damaligen vergleichsweisen harten, frostigen Winter konnten mit ihrem Eisgang diese Tonnen allerdings verschieben. Um im Frühjahr die Grenze wieder entsprechend richtig zu markieren, wurde also eine Grenzkommision zwischen der DDR und der BRD gebildet. Im Vorfeld wurde ein ziviles Vermessungsbüro der DDR mit der genauen Positionsvermessung beauftragt. Dann fuhren die Leute mit ihren Instrumenten an jedem gewünschten Punkt auf Halbinseln und Vorsprünge, von wo aus gemessen werden sollte. Im Anschluß kam der große Tag des Versetzens der Grenztonnen. Normalerweise sollten diese Arbeiten nur von Zivilisten ausgeführt werden. Da aber der Schaalsee bereits damals schon Naturschutzgebiet war, durften neben dem BGS, dem Grenzzolldienst (kurz GZD), den DDR-Grenztruppen und den Fischern aus Ost und West niemand mit einem Verbrennungsmotor den See befahren. Und: Lediglich die Motorleistung der DDR Grenzboote war ausreichend, um die Tonnen auf ihre Position zu schleppen. Was also tun? Die Lösung war einfach: Die Leute vom BGS zogen sich Zivil an. Die DDR-Grenzer ebenfalls. So "zivilisiert" wurden dann zwischen der BRD und der DDR die Grenzmarkierungen neu positioniert. Später berichteten Leute, die daran teilnahmen, daß sie sich privat über ihre Interessen austauschten, sich aber ansonsten so einigten: " Heute sind wir Partner und Freunde. - Morgen wieder Klassenfeinde." Nach dem Abschluß der Arbeiten sollen die Teilnehmer beider Seiten zu einem Abschlußessen auf der Westseite gefahren sein. Auch verabredete man sich wohl bereits für das Folgejahr. Das ging so lange, bis es die "Innerdeutsche Grenze" nicht mehr gab. Zum Glück!
Anton, der Zauberer

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