Samstag, 21. März 2020

Legendäre Rüganer (1): Georg K. Boldt


 Georg Karl Boldt
(1851-1916)

„Vom Tellerwäscher zum Millionär...“

Ein Beitrag von Torsten Seegert

Kein Satz wurde öfter bemüht, um Amerika - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – zu beschreiben. Das dieser Satz durchaus seine Berechtigung hatte, wird durch eine Vielzahl von Legenden nahe gelegt. Eine begann völlig unspektakulär auf unserer Insel mit der Auswanderung der Familie Boldt. Es ist die Legende eines Rüganers der wirklich ein "Selfmade-Millionär" wurde...

Wie viele Pommern, kehrte auch die Rügener Familie Boldt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihrer Heimat den Rücken. Ihr Ziel war Amerika. Hier wollte die Familie wieder wirtschaftlich Fuß fassen und der noch auf der Insel geborene Sohn Georg Karl sollte es später wirklich zu Reichtum bringen. Aber ist die überlieferte Legende nicht zu schön, um wahr zu sein?

„Der Rüganer, der mit 10 Dollar in der Tasche aus Deutschland kam, arbeitete als Nachtportier in einem Hotel, als in einer stürmischen Nacht ein älteres Ehepaar um ein Hotelzimmer bat. Da das Haus völlig ausgebucht war, bot er sein bescheidenes Zimmer als Obdach an. Eine folgenreiche Entscheidung, denn am nächsten Morgen, bedankte sich der Herr bei dem Portier mit anerkennenden Worten - schließlich kann sich ein Hotelbesitzer keinen besseren Mitarbeiter wünschen! - und versprach eines Tages ein Hotel für ihn zu bauen. Nach Jahren soll ihm dieser Mann – William Waldorf Astoria – wirklich das Hotel gebaut und ihm dafür die Leitung angetragen haben. Boldt willigte ein und soll so schon bald zu Wohlstand und Reichtum gekommen sein...“

(So oder so ähnlich wird die Geschichte immer wieder und gerne erzählt...)

Der Philadelphia-Club, Joseph Penell (1912)
Als gesichert gilt, dass der am 25. April 1851 in Bergen als Georg Karl Boldt geborene Rüganer 1864 auswanderte und in Übersee zunächst als Küchenhilfe und Geschirrspüler in Philadelphia zu arbeiten begann. Als 25-Jähriger soll der Bergener dann von seinem späteren Schwiegervater zum Assistenten im exklusiven "Philadelphia Club" im Adelphia-Gebäude (212 South 5th Street), einer der ältesten Herrenclubs der Vereinigten Staaten, ernannt worden sein. Später trat er die Nachfolge seines Schwiegervaters an, der hier als Steward tätig war und heiratete dessen Tochter. Die hier verkehrenden Mitglieder, die sich ursprünglich in der nordwestlichen Ecke der 5th und Minor Street nur trafen, um Karten zu spielen (zu deren Gästen sogar 12 Präsidenten der Vereinigten Staaten zählten!) ermöglichten Georg Carl Boldt und seiner Frau Luise Augusta Kehrer 1881 den Aufbau eines eigenen kleinen Hotels an der Ecke Broad Street / Walnut Street in Philadelphia. 

Ausschnitt eines historischen Briefbogens mit den Hotels von Georg Karl Boldt
Das „Bellevue“, so der Name des Hauses, hob sich dabei schon bald von dem damals üblichen Standard ab. So legte Luise beispielsweise besonderen Wert auf die Ausstattung und das Detail, wie Schnittblumen und Kerzen auf den Tischen. Auch die Gastronomie galt schon bald als hervorragend. Der gute Ruf führte beispielsweise dazu, dass die Philadelphia Schildkröte aus dem „Bellevue“ sogar an die englische Königin Victoria verschifft wurde. Bald darauf kaufte Boldt - nun als George C. Boldt - das mit dem "Bellevue" konkurierende Hotel "Stratford" an der südwestlichen Ecke. Etwa zwei Jahrzehnte später baute der Rüganer an dessen Stelle das Hotel "The Bellevue-Stratford", das größte Hotel der Stadt. Es verfügte über 1.090 Zimmer (!) und ist heute das "Bellevue Hotel" (200 South Broad Street) der Hyatt-Gruppe. Zur eigenen Geschichte schreibt das Hotel:

"Das Bellevue Hotel wurde 1904 vom Pionier George C. Boldt ins Leben gerufen und ist ein lebendiges Wahrzeichen, das den Stil und die Freude der vergoldeten Tage in Philadelphia mit Unternehmergeist und Raffinesse verkörpert."

William Waldorf Astor (1848-1919) und sein Cousin John Jacob Astor IV(1864-1912)
Auch die Begegnung mit der Familie Astor und den Vanderbilts, sowie die Führung des neuen „Waldorf Astoria“ in New York City gilt als belegt. So ließ beispielsweise William Waldorf Astor 1890 bis 1893 das dreizehnstöckige "Waldorf" Hotel an der Ecke der Fifth Avenue und 33rd Street errichten - mit Georg C. Boldt als Eigentümer. 1897 (!) eröffnete Williams Cousin John Jacob Astor IV (er starb am 15. April 1912 beim Untergang der "Titanic") das um vier Stockwerke höhere "Astoria" Hotel. Dank des Rüganers kam es jedoch zur Vermittlung zwischen den beiden verfeindeten Millionären. Er mietete das Astoria selbst und fusionierte beide Häuser unter seiner Leitung zum legendären Hotel "Waldorf⸗Astoria". Die Verbindung zwischen den beiden Hotels bildete nun die "Peacock Alley", die auch zum "Laufsteg" für manche Dame mit Namen wurde und sich noch heute grafisch in der Schreibweise "Waldorf⸗Astoria" findet. - Der Rüganer hatte das zu seiner Zeit größte Hotel der Welt geschaffen!

Doch wo lag das Geheimnis seines Erfolgs? Bedingt durch den Einfluss seiner großen Liebe Luise legte Boldt in seinen Hotels besonderen Wert darauf, die Häuser für Frauen attraktiver zu machen. Gleichzeitig lag er im Preissegment weit über den üblichen Durchschnitt. Dies hatte zur Folge, dass die Kunden bei ihm Schlange standen, um gesellschaftlich zu zeigen, dass sie es sich leisten konnten. Zur Steigerung dieses Effekts trug rein äußerlich auch die Einschränkung des Zugangs bei, die nur gewährt wurde, wenn die Herren weiße Krawatten trugen und zahlungskräftig waren. Das 1894 eröffnete "Waldorf⸗Astoria" startete allerdings zu einem deutlich ungünstigen Zeitpunkt. In Amerika herrschte gerade eine wirtschaftliche Depression. Doch dies tat dem Erfolg (entgegen aller Befürchtungen) keinen Abbruch. Im Gegenteil...

Der schweizer Maître d’hôtel Oskar Tschirky (1866-1950)
Rund um das "Waldorf⸗Astoria" und George C. Boldt ranken sich nun noch heute zahlreiche Legenden. Zu ihnen darf man sicher auch die verschiedenen Versionen um die Herkunft des "Thousend Island Dressing" / "Tausend Inseln Dressing" (ein amerikanisches Salatdressing) zählen. Eine von ihnen besagt, dass George C. Boldt seinen schweizer Maître d’hôtel (also den Chef seines gehobenen Restaurants im "Waldorf⸗Astoria") Oskar Tschirky (1866-1950) - auch als "Oscar des Waldorfs" bekannt - angewiesen haben soll, die improvisierte Kreation auf die Karte zu setzen, nachdem er einen Teil seines Einkaufs vergessen hatte. In einem Artikel vom "National Geographic" aus dem Jahr 1959 heißt es dazu erklärend:

"Thousand Island Dressing wurde Berichten zufolge von Boldts Küchenchef entwickelt." 

Allerdings erwähnt Tschirky, der fast 60 Jahre die Geschicke des Hauses "Waldorf⸗Astoria" begleitete, das Dressing in dem damals von ihm herausgebrachten Kochbuch mit keiner Silbe! Wie dem auch sei - zu den Hauptbestandteilen zählen: Mayonnaise, Olivenöl, Zitronensaft, Paprika, Worcestershire-Sauce, Senf, Essig, Eier, Sahne, Chilisauce, Tomatenmark...

Ausschnitt aus einer Speisekarte (1. Hälfte des 20. Jh.) mit dem legendären "Waldorf Salad"

Wie vielseitig der Rüganer als Unternehmer war, zeigt auch die "Waldorf Astoria Segar Company". Die Zigarrenfirma befand sich im Keller des Gebäudes an der Fifth Avenue. Das "Life Magazin" merkte 1905 an, dass die Zigarren der Marke "La Savoie" die ersten Havanna-Zigarren waren, die in den Vereinigten Staaten hergestellt wurden. Allerdings wurden die Zigarren nicht nur wegen der Qualität des aus gerollten Tabakblättern hergestellten Genussmittel bekannt, sondern auch weil ein Rechtsstreit - der Fall "La Magnita" - den Obersten Gerichtshof von New York beschäftigen sollte. Dabei ging es um einen aus rechtlicher Sicht neue Herausforderung des Markenrechts hinsichtlich des Namensrechtes und dem Zusammenhang der Etablierung der Marke "La Savoie" am Markt. Letztlich legte jedoch ein Vergleich den Streit kurz vor der Verhandlung bei.

Die Zigarrenmarke "La Savoie" für die ersten Havanna-Zigarren der Vereinigten Staaten
Ein Zeitzeuge brachte die Leistung des Rüganers so auf den Punkt: „Boldts Genialität darin bestand, der Masse Exklusivität anbieten zu können“. Am 5. Dezember 1916 starb der geniale Hotelier als George Charles Boldt in seinem Zuhause in der 9. Etage des „Waldorf-Astoria“ im Alter von 65 Jahren an einem Herzinfakt. Sein Vermögen wurde zum damaligen Zeitpunkt auf 25 Millionen US-Dollar geschätzt. Wie sehr er Achtung erfuhr, lässt sich vielleicht davon ableiten, dass für das letzte Geleit - vom "Waldorf⸗Astoria" zur Kirche - der Verkehr angehalten wurde und einige der bekanntesten und mächtigsten Männer der Vereinigten Staaten als Sargträger dienten. Er wurde auf dem Friedhof "Woodlawn Cemetery" (Grabstelle Aster Section 209, 501 East 233rd Street) im Norden des Stadtteils Bronx von New York beigesetzt, wo viele berühmte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wirtschaft (wie der Schriftsteller Herman Melville, der Jazzmusiker Miles Davis oder der Unternehmer Winfield Woolworth) begraben sind. Seine letzte Ruhestätte ist durch einen Obelisk mit dem schlichten Schriftzug "BOLDT" gekennzeichnet. 

Zu den bekanntesten Spuren, die der Rüganer hinterlassen hat, zählt heute sicher auch eine herzförmige Insel im St.-Lorenz-Strom auf der er für seine Frau Luise ein Romantikschloß mit 120 Zimmern errichten ließ, um es ihr zum Valentinstag zu schenken. Doch bedingt durch den frühen Tod seiner Frau im Jahre 1904 wurden alle  Arbeiten eingestellt. Heute ist das Haus „Boldt Castle“ auf „Heart Island“ eine Touristenattraktion, die bereits Millionen von Besuchern in ihren Bann zog.

Grundriß der "Boldt Hall" aus einer Publikation der Cornell Universität in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts
Eher unbekannt ist vielleicht, dass George C. Boldt die Cornell Universität unterstütze. Sein Sohn George C. Boldt jr. (1879-1958) besuchte die Einrichtung zwischen 1901 und 1905 und unterstützte die Einrichtung später ebenso wie dessen Schwester Clover Louise Boldt (1884-1963) - verheiratet mit Alfred Graham Miles (1875-1947). Sie spendete u.a. 50.000,- Dollar, die zur Errichtung des Boldt-Towers, der bis heute - wie die Boldt Hall* - an ihren Vater erinnert. - Ihre Tochter - die Enkelin des Rüganers Georg K. Boldt- war Clover Wotherspoon Boldt Miles Baird (1910-1993). Auch wurden an der Cornell Universität "George C. Boldt Gedenkstipendien" vergeben, die George C. Boldt jr. 1922 ins Leben rief. Im Jahre 2018 wurde durch das Online-Medium "NNY 360 Grad" bekannt, dass auch sein Urenkel Malcolm Goodridge nach einem Familientreffen der Boldt-Nachkommen auf dem Romantikschloß Boldt-Castle sich wohltätig für die Schaffung von Stipendien einsetzen werde. Im Sommer 2019 war es dann soweit: Auf Boldt-Castle erhielten Schüler ein Stipendium von jeweils 5.000,00 US-Dollar. Malcolm Goodridge sagte anläßlich der Vergabe:

"George C. Boldt Sr. schaut heute Abend mit großem Stolz auf uns alle herab. Jeder von Ihnen, der sich hier versammelt hat, hat dazu beigetragen, sein Erbe am Leben zu erhalten und seine Großzügigkeit zu teilen, um die Bildung für unsere jungen Menschen zu unterstützen."


*) Boldt Hall:
Die Boldt Hall des West Campus der Cornell Universität wurde von Spendern zu Ehren des Hotelbesitzers (Waldorf Astoria) und des Treuhänders George Charles Boldt im beliebten englischen College-Stil erbaut, der die an Oxford und Cambridge erinnert. 

Weiterführende Informationen:
Philadelphia Club
The Bellevue Hotel Philadelphia 
Waldorf-Astoria New York 
Boldt Castle
Cornell Universität 

(Überarbeiteter Beitrag "Georg Karl Boldt" des Heimat-Bild-Verlages)
https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html