Donnerstag, 19. März 2020

Zwischen Sund und Kap Arkona (49)

Blick in Richtung Dubnitz

Ein Beitrag von Torsten Seegert

Es gibt viele kleine Orte auf unserer Insel zu entdecken. An einigen fahren wir oft täglich und achtlos vorbei. Zu Unrecht! Denn: Hier kann man viel(e) Geschichte(n) entdecken. Zum Beispiel: Wostevitz. Zu dem kleinen Ort kommt man auf dem Weg von Saßnitz über Mukran in Richtung Sagard. Und wenn man anhält und etwas genauer schaut, dann kann man auch noch so einige Spuren aus der Vergangenheit erkennen...
Altes Stallgebäude des Gutshofes
Seine erste bekannte Erwähnung erfuhr der Ort vor gut 700 Jahren als "Ghustavitze". Seither hat sich nicht nur der Name deutlich gewandelt. Heute kaum zu glauben: Der Ort soll zwischenzeitlich sogar in zwei Teile - Klein Wostevitz und Groß Wostevitz - zerfallen sein. In einer Quelle des Jahres 1805 lässt sich dazu lesen:

"Die beiden Höfe liegen dicht aneinander, der erstere, der sogenannte Capitainshof oder Lancken-Wostevitz, ist ein Gräflich Putbusser Alterslehn, der zweite gehört zur Herrschaft Spieker."

Der erstgenannte "Capitainshof" entlehnte seinen Namen dem Kapitän Heinrich Rockmann von der Lancken, womit sich auch "Lancken-Wostevitz" erklärt. Der zweitgenannte Hof - Groß Wostevitz - gehörte lange Zeit der Familie von Bohlen, wurde dann aber im 18. Jahrhundert an die schwedische Familie Brahe verkauft. Allerdings ging Wostevitz - wie auch die Besitzung Spycker - 1816 durch Verkauf an das Haus Putbus über.

Dorfpartie in Wostevitz
Christian Biskup vermerkt in diesem Zusammenhang in seinem Beitrag " Der Ort Wostevitz" im Jasmunder Heimatheft Nr. 1, dass Wostevitz mit 686 Hektar Land 1903 statistisch an achter Stelle der größten Rittergüter der Insel stand. Von diesem ehemaligen Gut lassen sich heute jedoch nur noch einige Nebengebäude, wie der Stall oder die Unterkunft der Landarbeiter ausmachen. Das Gutshaus selbst existiert seit seinem Abriss vor etwa 50 Jahren nur noch in der Erinnerung von Zeitzeugen oder auf alten Fotos:

Hier stand rechter Hand der gepflasterten Fläche einst das Gutshaus
Der Backsteinbau, der sich einst unweit des alten Kopfsteinpflasters in die Höhe reckte, verfügte über ein Krüppelwalmdach mit einem sehr schönen - ebenfalls abgewalmten - Giebel mit drei Fenstern. Im Sommer wenn die Sonnestrahlen von Süden in die Fenster schienen, konnten lediglich die Markisen den gewünschten Schatten spenden. Darunter befand sich der Zugang zum Gutshaus. Wer diesen suchte, musste über eine vierstufige Freitreppe den Rundbogen mit seiner alten Holztür durchschreiten. Eine gewisse Stattlichkeit erhielt das Gutshaus jedoch erst durch die Eckbossen, die das Backsteinmauerwerk massiv aufwerteten. 
Das Gutshaus von Wostevitz
Einer der Pächter des Gutes war übrigens die Familie Lindequist, die gleich mehrfach mit ihren Nachkommen in der Geschichte Erwähnung findet: So wurde der am 17. Oktober 1855 auf Wostevitz geborene Arthur von Lindequist und spätere Generalleutnant im ersten Weltkrieg u.a. in Bezug auf die Abwehrschlacht am Reims bekannt. Sein Bruder Friedrich von Lindequist, der ebenfalls auf Wostevitz (am 15. September 1862) das Licht der Welt erblickte, war Kolonialbeamter und wurde später zum Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika. Als erster ziviler Gouverneur der deutschen Kolonie änderte er die Politik gegenüber den Eingeborenen nachhaltig. Viele Initiativen - wie die "Eingeborenenverordnung", der Ausbau der Eisenbahn, die Ansiedlung des Karakulschafes und die Ausweisung des ersten Wildschutzgebietes gehen auf ihn zurück. Dennoch gilt auch sein Wirken heute als umstritten. Die Großcousine der beiden Rüganer war übrigens Angelika von Lindequist, besser bekannt als Angelika Petershagen, die Frau von Stadtkommandant Rudolf Petershagen, der die pommersche Universitätsstadt Greifswald 1945 kampflos an die Rote Armee übergab, um deren Zerstörung zu verhindern. 1985 - und das sei an dieser Stelle auch erwähnt - schrieb sie an den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honnecker, einen Brief, in dem sie beklagte, dass die 1945 unversehrt gebliebene Hansestadt nun auf andere Art dem Verfall preisgegeben würde. Aber das ist eine andere Geschichte...

Arthur von Lindequist (1855-1937) und sein Bruder Friedrich von Lindequist (1862-1945) - v.l.n.r.
Abschließend sei noch einmal auf Christian Biskups Beitrag eingegangen. Er merkt darin an, dass Friedrich von Lindequist sich in seiner Verbundenheit zur Insel Rügen 1906 am Strand von Sellin ein Ferienhaus errichten ließ. Wie Wostevitz soll es hier auch Erwähnung finden - es ist heute ein beliebtes Ferienquartier.

Abschließend soll auch noch der Große und der Kleine Wostevitzer See Erwähnung finden. Beide liegen heute innerhalb eines etwa 322 ha großen Naturschutzgebiet - südlich des Ortes.

Für die Bereitstellung der Quellen geht der Dank dieses Mal an das Stadtarchiv Saßnitz.

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Weitere Beiträge aus der Reihe "Zwischen Sund und Kap Arkona" mit den Orten von A-Z:
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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin) / Das "Hans-Mallon-Grabmal

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach
https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html