23 Juli 2020

Auf die Plätze, fertig und hau zu....

"Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen." (Konrad Adenauer)
Ein Beitrag von Dr. Thomas Sarnes

Ostseezeitung vom 7. Juli 2020, aufgeschlagen, angelesen und schockiert. Auch nach meinem 
Interview, von dem ich dachte es würde etwas bewirken hört es nicht auf. 

„Ausgerechnet jetzt: Personal in Gesundheitsämtern fehlt“ - fette Schlagzeile. 


Meine Kritik von damals richtete sich an die Medien, in erster Linie. Nun muss ich lesen, dass ein politischer Angriff von Links gegen den Gesundheitsminister von MV als ideale Gelegenheit gesehen wird, nun auch aus dem Lager der Mediziner mit Steinen zu werfen. Der Ärztekammerpräsident meldet sich zu Wort, ein  Kollege also und es betrübt mich. Es betrübt mich das Problem, es betrübt mich der Ansatz und es  betrübt mich, dass selbst in den höheren Gremien der Ärzteschaft offenbar nicht verstanden wird,  was das Problem ist. Zunächst stellt sich mir die Frage, wie man sich als Arzt fühlen muss, dass man  glaubt, dass die Experten der Gesundheitsämter (so sie denn wirklich welche sind) Infektionsfälle,  also Menschen „einhegen“. 

Ich empfehle Wikipedia zu diesem Begriff. Duden reicht auch. Da steckt  das Wort Gehege drin, nur mal so.  Dass in den Gesundheitsämtern Personal fehlen soll, ist eine  Tatsache, die sich politisch aber auch faktisch über einen jahrelangen Zeitraum abbildet. Aber scheinbar war gerade jetzt die Gelegenheit günstig, drauf zu hauen. Schade, dass ein Arzt, Professor seines Zeichens und hoch etabliert mit klinischer Erfahrung derart seine Sorgen äußert. 

Dass die Gesundheitsämter die Pandemie, also ein über Staatsgrenzen hinaus aktives Infektionsgeschehen, bekämpfen sollen klingt ohne Frage gut und wichtig aber.... es geht um eine Pandemie. Es stört mich als Arzt erheblich, dass gegenüber den Menschen ein derartiges Geschrei ausgetragen wird, ohne Rücksicht darauf, ob es verstanden wird oder nicht. 

Was also ist denn, allgemeinverständlich gesagt ein Gesundheitsamt? 

Das Gesundheitsamt ist Teil des Landratsamtes des Landkreises Vorpommern-Rügen
Es handelt sich zunächst um eine Behörde, deren Aufgaben sich an der allgemeinen Gesundheitsfürsorge orientieren. Das bedeutet, dass hier eine unglaublich vielschichtige Struktur besteht, die den Blick auf öffentlichen Einrichtungen hat, auf öffentlich gewerbliche Einrichtungen wie Gaststätten, öffentlichen Bädern und Saunen, auf Heimen, Kindereinrichtungen, Schulen und dergleichen. Hier geht es unter anderem um hygienische wie auch gesundheitsüberwachende Aufgaben. Auch an Tätowier- und Piercingstudios ist das Gesundheitsamt dran. Daran erkennt man, wie subtil die Aufgaben aber auch die Einflüsse gegliedert sind. 

Auch das Jugendamt ist ein Bereich des Gesundheitsamtes ebenso, wie die Schwangerenberatung und die Schwangerenkonfliktberatungsstellen. Abhängig vom Bundesland gibt es noch zusätzliche Aufgaben wie zum Beispiel der schulärztliche- und schulzahnärztliche Dienst. Über allem steht letztlich der amtsärztliche Dienst getragen durch den Amtsarzt. 

Neben der Entscheidung, ob z.B. eine Zulassung für einen Heilpraktiker ausgesprochen werden kann erfüllt er hoheitliche Aufgaben im Auftrag von Gerichten und Behörden. Er entscheidet über die Zwangseinweisung von psychiatrischen Patienten in bestimmten Situationen, führt Hafttauglichkeitsuntersuchungen und Untersuchungen zur Vernehmungsfähigkeit im Auftrag von Gerichten und Behörden durch und noch vieles mehr. Das ganze Leichen- und Bestattungswesen ist ein Teil der Gesundheitsämter und nicht zuletzt natürlich auch die Fragen von Adoptionswesen u.s.w.

Ja, und auch Maßnahmen zur Durchsetzung des Infektionsschutzgesetzes, wie gerade sehr aktuell, gehören ins Gesundheitsamt. Eine monströse Behörde also mit den vielschichtigen Aufgaben, erledigt durch Ärzte, Hygieniker und viele andere Fachdisziplinen außerhalb ärztlicher Ausbildung. 

Wer also möchte dort arbeiten? Es ist eine Institution des öffentlichen Dienstes und nicht der Krankenhäuser. Wie reizvoll diese Aufgaben den interessierten Bewerbern gemacht wird ist wohl kaum die Aufgabe der Landesregierungen? 

Auch viele Ärzte, die also studiert haben, enden nicht am Krankenbett oder im Gesundheitsamt. Sie werden Außendienstmitarbeiter (Vertreter) bei den Pharmakonzernen oder bei Vertreibern von Medizinprodukten. Keine persönliche Verantwortung vor dem Kranken, keine Bereitschaftsdienste, bessere Arbeitszeit und vermutlich mehr Geld, das sind scheinbar die Probleme.​

Warum aber frage ich mich, haben viele Kreise bzw. Gesundheitsämter das wohlgemeinte Hilfsangebot der Bundesregierung ausgeschlagen? Macht es denn Sinn, eine Behörde jetzt mit Blick auf die Pandemie aufzublähen? Das geht auch wieder vorbei. In Jedem Krankenhaus sucht man in kritischen Situationen nach Reserven. Wie ist es bestellt, um die ressortübergreifende Unterstützung 
innerhalb der Behörden in Überlastungsphasen? 

Vieles, was an Aufgaben und Problemen vorgetragen wird ist doch eigentlich, zumindest aus meiner Sicht, nicht zu erledigen.

Beispiel: Zettel zum Ausfüllen für Gäste einer Mc Donalds - Filiale, geprüft wurden die Angaben übrigens nicht
Wie will denn eine Behörde den Besuchern einer Gaststätte „nachjagen“, wenn vielleicht ein Infektionsfall bekannt wird? 
Wer sagt denn, dass die Adressen und die Namen auf den in Massen ausgefüllten Zetteln in den 
Gaststätten überhaupt stimmen?
Was soll eigentlich überhaupt die ganze Zettelwirtschaft im Jahr 2020?
Wie sollen denn Gaststätten und Hotels die Richtigkeit von Dokumenten absichern? 

Wenn Menschen nur an einen Urlaubsplatz kommen, wenn sie einen negativen Infektionsbeleg vorlegen, dann geht das um einiges zu weit. Das ist Nötigung und fachlich natürlich Unfug. Es kann auch nicht sein, dass ein Mensch genötigt wird zum Arzt zu gehen um dann der Öffentlichkeit seinen 
Gesundheitszustand zu demonstrieren. Ein Mensch, der Krank ist fährt nicht in den Urlaub. 

Wenn ich mich heute negativ testen lasse, dann kann die Sache morgen schon wieder ganz anders aussehen. Mindestens das sollten wir doch nach diesen Wochen gelernt haben, oder nicht? Aber, solches „Schattenboxen“ erkennt man scheinbar nicht in Gremien, die unsinnige, überblähte und an der Sache vorbei gehende Monsterverordnungen erlassen. Da will jeder seine kleine Idee einbringen und die Fähigkeit zur Allgemeingültigkeit geht verloren.

Also sind es nicht nur die Politiker, die in Ihrer kleinen Vorstellung von Medizin und medizinischen Regeln, die deutsche erfahrene Ärzteschaft weiterhin ignorieren, die andere fachliche Meinungen fast
verachten und ächten. Das sind die ersten Ergebnisse einer Schubladenmedizin der modernen Zeit, die medizinisches Allgemeinwissen, wie wir es alle mal hatten, belächeln. Und der Begriff des Spezialisten ist, nebenbei gesagt, kein geschützter Begriff. 

Und eine Pandemie ist eine Pandemie, keine Epidemie und was auch immer für Begriffe bei den „Spezialisten“ umhergeistern. Und nur, weil viele insbesondere Politikverantwortliche an der Sache vorbeidenken, wird es nicht richtiger. Den Mundschutz in den Bereich der Freiwilligkeit zu verlagern ist aus meiner Sicht als Arzt (im Ruhestand) ein richtiger und vernünftiger Gedanke. Solche mutigen Minister darf man nicht verteufeln, die müssen fachlich unterstützt werden und man muss sie achten! 

Fällt die Maskenpflicht oder nicht?
Die Angst, die Menschen könnten denken die Pandemie sei vorbei, weil das Mundtuch fällt, zeugt davon, für wie dumm man die Menschen hält. Ach, wer entscheidet eigentlich, wann die Pandemie vorbei ist? Das wäre ja mal eine Frage wert.

Wer die Ursache für fehlendes Personal in den Gesundheitsämtern sucht, der sollte nicht mit dem Argument der Honorare der Ärzte kommen. Warum? Weil er wieder nicht verstanden hat, wie es im Gesundheitswesen läuft. Ein Wissensdefizit übrigens in allen politischen Ebenen, leider. Der weiß nicht, wo die Gehälter für klinisch tätige Ärzte und die der Gesundheitsämter herkommen. Und wer diesen Unterschied ins Feld führt, der sollte mal an einem Freitag nachmittags so gegen 16 Uhr versuchen, einen Mitarbeiter eines Gesundheitsamtes aufzusuchen oder einfach nur anzurufen. 

Ärzte in den Krankenhäusern arbeiten rund um die Uhr, täglich, am Wochenende, an Feiertagen, Weihnachten, Silvester und täglich mehr, als sie es müssten. Sie verdienen sich das höhere Gehalt! Alle in einem Parlament arbeitenden Abgeordneten haben eine hohe Verantwortung. Egal, ob Regierungspartei oder Opposition. Sie haben eine Verpflichtung zu regieren einerseits und zur konstruktiven Kontrolle und konstruktiven Aufsicht der Regierungsarbeit andererseits. Da gibt es Defizite in vielen Bereichen. Nun hat offenbar die Linke möglicherweise schon länger darauf gewartet mal einen regulierenden Auftritt hinzulegen. Missglückt! 

Auch die Linke und welche andere Partei auch immer würden es nicht schaffen Personal in ausreichender Zahl in die Gesundheitsämter zu bringen, und so schon gar nicht. Der Grund dafür liegt nicht dort, wo man ihn zu finden glaubt. Und ​der Grund ist mit Sicherheit nicht der Gesundheitsminister von MV. Und der hat keine andere Antwort, als die Wahrheit. 

Er weiß es nicht und er reiht sich in die Schaar der anderen Bundesländer ein, die das gleiche Problem haben. Was also soll gesagt sein? 

Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter leisten eine wichtige Arbeit, nicht nur jetzt, sondern immer. Ob sie alle als Experten bezeichnet werden wollen und sollen lasse ich mal offen. Auch die Ärztekammern sind von hohem Stellenwert und deren Vorstände sind gewählte, also respektable Fachleute.  

Bedauerlicherweise hat man sich hier mit dem Begriff der „Einhegung“ peinlich journalistisch vergriffen, aber verziehen.  Ich halte es für politisch unanständiges, unlauteres und nicht zielführendes Verhalten gerade in der jetzigen Zeit eine solche Thematik in dieser Art öffentlich zu bearbeiten. Die Menschen in diesem Land haben genug von dieser Angstmacherei. 

Die Menschen lassen sich auch sicherlich nicht mehr mit der Gefahr für ihre Kinder erschrecken. Sie 
wollen auch nicht weiter gegängelt werden. Wenn unsere Politiker sich für das deutsche Gesundheitswesen einsetzen wollen, dann sorgen sie mir ihrer Kraft dafür, dass nicht ständig seitens des Bundesgesundheitsministeriums mit der Schließung von Krankenhäusern gedroht wird. Und nur mal vorsorglich: 

Der Leerstand der Kliniken war politisch angeordnet. 

Nicht, dass jemand auf die Idee kommt die vielen leeren Betten der letzten Wochen falsch zu deuten. Setzen sie in den Parlamenten die Rahmenbedingungen dafür, dass in solchen Situationen wie jetzt die Voraussetzungen für zusätzliches Personal gegeben sind. Das ist ihre Aufgabe und zwar ihrer aller Aufgabe.
https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html