Dienstag, 4. August 2020

Ein Tag in Berlin


Ein Erlebnisbericht von Norbert Dahms


Es ist morgens gegen 9:30 Uhr. Immer neue Busse treffen mit Reisegruppen unter den Linden ein. Aber die Reisegruppen sind keine typischen Touristen. Es sind Reisende, die heute an der Demonstration teilnehmen wollen. Aus über 134 Städten sind sie angereist und haben rund um Berlin lange im Stau gestanden. Trotzdem steigen sie gut gelaunt aus und beginnen zu musizieren, zu tanzen, zu trommeln und zu singen.


Während bereits viele Menschen unter den Linden / Ecke Friedrichstraße warten, treffen immer mehr Menschen ein. An ihren Plakaten, Fahnen, Transparenten, T-Shirts und Stickern ist zu erkennen, sie alle wollen zur heutigen Demo. Die Stimmung ist entspannt, man orientiert sich, denn viele Leute sind das erste Mal in Berlin oder waren es lange Zeit nicht mehr. Einzelne Querdenkerplakate mit den Postleitzahlen lassen erkennen aus welcher Region die Menschen kommen. Es sind alle Regionen vertreten, Hamburg, Leipzig, Stuttgart, Augsburg, Duisburg um nur einige zu nennen.



Die ursprüngliche Information war Treffen am Brandenburger Tor. Es kommen aber einige Menschen entgegen. Ich gehe trotzdem durch das Brandenburger Tor und treffe einige Ordner der Veranstaltung. Sie geben mir die Information, das der Start an der Ecke Friedrichstraße stattfinden wird. Die Absperrungen am Brandenburger Tor sollen hinter uns durch die Polizei geschlossen werden. Also gehe ich langsam zurück und stecke auf Höhe der russischen Botschaft fest. Eine mittige Baustelle Unter den Linden teilt die Massen rechts und links der Straße. Glücklicherweise ist dies keine politische Einordnung, so weisen doch einige Plakate darauf hin. "Wir sind nichts rechts, wir sind nicht links. Wir sind einfach nur Menschen."



Ein Blick über die bisherigen Menschen zeigt das gesamte Spektrum der Gesellschaft. Einige Mütter tragen ihre kleinen Kindern in Tüchern, Kinderwagen werden geschoben, Rollstühle bahnen sich den Weg durch die Massen, Jugendliche, Familien, Rentner, befreundete Paare. Ein ganz normales Straßenbild mit sehr vielen Menschen.



Es ist heute sehr warm und der Demonstrationszug setzt sich erst mit einer Stunde Verspätung in Bewegung. So meine Vermutung. Spätestens beim Abbiegen zur Friedrichstraße wird klar, hier läuft seit einer Stunde der Demonstrationszug durch und wir standen durch die Einengung lange Unter den Linden. Ein Mann steht neben mir auf einem Betonklotz und beobachtet den Zug. "Na, wieviele könnten es werden, 20-30 tausend Leute?" Er meinte:" Nee wesentlich mehr, ich steh hier seit einer Stunde von Anfang an des Zuges und es reißt einfach nicht ab."

 

Weiter geht der lange Zug durch die Straßen Berlins. Man kommt ins Gespräch mit den Leuten. Eine Berlinerin erzählt mir, sie sei seit 4 Monaten auf Kurzarbeit, weil sie in der Tagespflege arbeitet. Ihr Nebenmann ist Chefkoch an der Oper. Mit Akzent und traurigen Augen berichtet er mir, daß er gerne wieder arbeiten möchte. Aber leider ist er seit 4 Monaten ebenfalls zu Hause und kann nicht arbeiten, da seine Oper geschlossen ist. Wir gehe nein Stück gemeinsam und reden weiter. Ich lasse mich zurückfallen und lerne die nächsten Leute kennen.



"Servus, spricht mich ein Mann an, du kommst mir so bekannt vor." "Nein, das kann nicht sein, ich bin von der Insel Rügen, und du?" "Ich bin aus Nürnberg, das erste Mal in Berlin. Die Politik hat es fast geschafft die Gesellschaft zu spalten, sogar in den Familien. Deshalb bin ich hier, darum demonstriere ich gegen diese unverständlichen, unverhältnismäßigen Maßnahmen. Der Söder drangsaliert uns. Überall und immer wieder die Maske." Wir wünschen uns beide Glück und Erfolg.

 

Zwischendurch ist immer wieder eine kleine Trinkpause einzulegen. Die Hitze steigt auf über 30°C. Trotzdem sind alle gute gelaunt und tanzen hinter den LKW´s mit Musik hinterher. Dann die monotone Megaphonestimme. Der Sprecher geht langsam vor einem LKW. "Die Basis-LKW´s kommen! Basis-LKW´s kommen!" Voran wird das Plakat der Basisdemokraten Partei getragen.


Während ich am Rande kurz sitze, den Zug beobachte und trinke, spricht mich eine Frau aus München an. "Es sollen 800.000 Leute sein, so sagte es eben ein Moderator von LKW. Er gratulierte den Demonstranten zu ca. 1% Bevölkerungsanteil." Wow, wenn das stimmen sollte. Sie erzählt weiter, daß sie Kindererzieherin sei und was zur Zeit in der Kinderbetreuung abgeht, hätte sie sich nie träumen lassen. Das ist ihr Antrieb hier heute dabei zu sein und die lange Anfahrt in Kauf zu nehmen.



Während wir uns weiter unterhalten und gemeinsam dem Zug folgen erblicke ich mit den Augenwinkel Polizeiwagen. Etwas 8-10 Wagen schleichen sich am Demonstrationszug langsam vorbei. Aber Moment, es ist gar keine Polizei. Die Klebefolien sind täuschend echt. Lediglich die Schriftzüge lauten. "Friedensfahrzeug" und "Peace". Die Insassen verteilen Flyer von Bürgergruppen, Selbsthilfe von Eltern, Möglichkeiten sich gegen Coronamaßnahmen wehren zu können, Netzwerke usw. So ganz nebenbei laufen Superman und Spiderman im Zug mit.

 

An einigen Seitenstraßen stehen durch die Polizei abgeschirmt einige Gegendemonstranten. Mit Aussagen wie: "Kein Platz für Nazis", "Stoppt die Brandstifter" "Wir sind viele - Berliner gegen Rechts" stehen sie ins einer sehr überschaubaren, zählbaren Menge meistens schweigend da. Eine Schwarzafrikanerin aus Süddeutschland neben mir fragt ihre Freundinnen: "Warum behaupten die, ich wäre ein Nazi? Ich bin doch auch gegen Nazis." Sie bekam ihre schlüssige Antwort von den Gegendemonstranten sofort geliefert: Zwei junge Mädels riefen im Chor: "Ihr marschiert mit Nazis und Faschisten...."

 

Nun.. man kann niemanden in seinen Kopf schauen, geschweige denn seine Gedanken lesen. Vielleicht gab es ja wirklich Nazis und Faschisten unter dem Demonstrationszug? Das festzustellen und zu beurteilen müsse man den Augenzeugen überlassen. Ja, es waren einige Schwarz-weiß-rote Fahnen zu sehen. Nein, es gab keinen erkennbaren Block oder äußerlich erkennbare Menschen, die so auftraten als würden sie mit der Demokratie nichts am Hut haben.



Es scheint als ginge es in der gesamten streitbaren Debatte gar nicht mehr um die eigentlichen Einschränkungen. Vielmehr scheint es eine Debatte um eine Glaubensrichtung zu sein. Für oder gegen Corona? Für oder gegen was? Bist du Katholik oder Protestant? Glaubst du an eine Verschwörung oder an eine Regierung? Bist du ein Guter oder ein Böser? Aber bringen dann gegenseitige Diffamierungen weiter? Wie kommt die SPD-Chefin Sakia Esken zu ihrer Twitteraussagen, es handele sich um Covidioten? Wer gibt irgend jemanden das Recht dann anderen zu beleidigen, nur weil er einer anderen Meinung ist?

 

Nach einem etwa 4-stündigen Marsch durch die heißen Straßen von Berlin nähern wir uns wieder dem Brandenburger Tor. Diesmal dürfen wir es sogar durchschreiten und werden kurz darauf den der Polizei zerstreut. Alle Demonstranten bitte rechts und links auf vielen verschiedenen Wegen zur den Tiergarten zum Veranstaltungsort. Die Straße des 17. Juni ist bereits rappelvoll. Nachdem ich mir meinen Weg durch den Tiergarten gebahnt habe, am Rande des Tiergartens standen ebenfalls viele Menschen. Als ich endlich einen freien Blick über die Straße erhalte realisiere. Es müssen mindestens die 800.000 Menschen sein. Von der Siegessäule bis zum anderen Ende nur Menschenmengen und der Tiergarten ebenfalls sehr voll.



Die Veranstaltung hat natürlich bereits schon begonnen und da wir eben erst eingetroffen sind, können nicht alle Leute am Umzug teilgenommen haben. Viele sind bestimmt gezielt nur zur Straße des 17. Juni gekommen. Sonst wären wir noch weitere Stunden unterwegs gewesen.

 

Gegen 17:00 Uhr beginnt die erste Durchsage der Polizei, daß sie die Veranstaltung abbrechen wird wegen Nichteinhaltung der Maskenpflicht und Nichteinhaltung des Mindestabstandes. Die Menge pariert das mit Rufen "Widerstand" und "Wir bleiben hier". Seitens des Veranstalters wird die Polizei aufgerufen zur Befehlsverweigerung.



Hier wurde heute Geschichte geschrieben. An einem heißen Sommertag, wo viele im Urlaub sind. An einem heißen Sommertag, der eigentlich nicht für Revolutionen geschaffen ist. An einem heißen Sommertag waren (man mag sich über die exakte Zahl gerne streiten) ca. 800.000-1.300.000 Leute hier, um zu demonstrieren. Das ist auch wenn andere Medien von nur 20.000 Demonstranten schreiben, eine wahnsinnig hohe Teilnehmerzahl. Und diese bisher mobilisierten Massen könnten im Herbst wieder kommen. Denn im Herbst wurden bisher alle politischen Umschwünge geschafft. Aber dann werden es noch mehr Leute sein und dann werden sie nicht einfach nach Hause gehen. Dann wird die Politik zum Kompromissen bereit sein müssen. Oder aber es kommt alles anders.


Weitere Informationen zum Thema:


https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html