27 Oktober 2020

Binzer Ortsverkehr - Ein Vergleich von Äpfel und Birnen

Begegnung von zwei Wegebahnen am heutigen Dienstag in Binz

Binz (PA). Was eint die Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen mbH (VVR) und den "Jagdschloß-Express"? Beide wollen die Gäste der Insel befördern. Doch an dieser Stelle enden auch schon die Gemeinsamkeiten, denn zum Streitpunkt entwickelt sich derzeit ein Beförderungsziel: Das Jagdschloß Granitz.

Um "auch ein Stück vom Kuchen" der Gästebeförderung abzubekommen, möchte die VVR nun auch die Zufahrt für ihre Busse eingeräumt bekommen. Das Unternehmen des Landkreises Vorpommern-Rügen, dass in Sachen Beförderung bereits ein Monopol auf der Insel hält, möchte so offensichtlich auch private Unternehmen - wie den "Jagdschloß-Express" - aus dem Markt drängen. Möglich wäre dies nicht nur durch öffentliche Gelder sondern auch durch einen ermäßigten Steuersatz, der auf die seit Jahren geplanten "Linie 28" seine Wirkung entfalten würde. Doch auch sonst sind beide Unternehmen sehr unterschiedlich aufgestellt.

Rückblende: Seit Jahrzehnten betreibt der "Jagdschloß-Express" die Beförderung von Gästen durch das Ostseebad Binz. Kein ganz einfaches Geschäft, denn: Das Unternehmen ist privatwirtschaftlich tätig, muss also gewinnorientiert arbeiten. Da man keinen Linienverkehr sondern lediglich touristische Rundfahrten anbieten darf, unterliegt man in einigen Bereichen sogar dem Preisdiktat, um die VVR konkurrenzfähig zu halten. Auch gehört eine entsprechende Information des Gastes zum touristischen Standart-Angebot, so dass dieser etwas über die örtliche Entwicklung oder zu lokalen Besonderheiten erfährt. Und auch beim Mehrwertsteuersatz gibt es auf die Angebote keine Ermäßigung. Als touristischer Dienstleister muss der volle Mehrwertsteuersatz von 19% (gegenwärtig und bis Jahresende 16%) kassiert werden. 

Das Rundfahrtziel Jagdschloß Granitz steht dabei als eine der Attraktionen des größten Ostseebades der Insel seit Jahrzehnten auf dem Programm des Anbieters. Da die Zufahrt über eine alte Wegeführung erfolgt, wird diese durch den "Jagdschloß-Express" im Sommer wie im Winter befahrbar gehalten. Zudem waren in der Vergangenheit regelmäßig Ausbesserungen notwendig, um die tagtägliche Überfahrt zu gewährleisten. Unabhängig davon war auch schon zwei Mal eine Erneuerung der Schwarzdecke erforderlich - verantwortlich dafür: Der "Jagdschloß-Express". Und nicht nur das! Nachdem der Verkehr durch einen versenkbaren Poller aus dem bewaldeten Hochrücken des Naturschutzgebietes gebracht werden konnte, setzt auch der "Jagdschoß-Express" nun auf weniger Emission. Dazu setzt das Unternehmen bereits drei elektrische Wegebahnen im Binzer Ortsbereich ein, eine für die Rundfahrt, die am besagten Jagdschloß vorbeiführt.

Grund dafür war auch die Veränderung des Umweltbewusstseins auf Rügen und in Binz. So verwunderte es auch kaum, dass es sogar eine Petition der Bürger für Binz e.V. gab, die "Elektrobahnen statt Dieselbusse!" forderte und großen Anklang im größten Ostseebad der Insel fand. Schließlich handelt es sich um die Zufahrt zu einem Naturschutzgebiet und damit eines der Pfunde mit denen die Insel auch bei Touristen punktet. Allerdings ist der VVR - wie auch das Beispiel des Nationalparks Jasmund zeigt - nicht bereit seinen Beitrag zu einer emissionsfreien Beförderung zu liefern. Stattdessen meint das Verkehrsunternehmen sogar, es gäbe ausreichend Kundenpotential beim Reiseziel Jagdschloß Granitz. Doch das Gegenteil ist der Fall.

In diesem Jahr geht es den touristischen Anbietern - wie dem "Jagdschloß-Express" - dabei nicht anders als den Beherbergungsunternehmen. Nach dem Ausbleiben der Gäste, weil Reisen nach Rügen zeitweise nicht möglich waren, haben mit der Öffnung der Ausflugsziele sich nun auch die Rahmenbedingungen grundlegend geändert. Das Jagdschloß Granitz lässt so beispielsweise nur noch 35 Gäste zeitgleich zu. Der Mittelturm als eine der attraktivsten Aussichtspunkte der Insel ist gegenwärtig nicht begehbar. 

Unabhängig von dem damit verbundenen Besucherrückgang hält der "Jagdschloß-Express" dennoch an der Route über den Tempelberg fest - alle 45 Minuten fahren zwischen 9.30 Uhr und 17.15 Uhr Wegebahnen auf Ihrer touristischen Ortsrundfahrt das Jagdschloß an. 

Gegen einen Vergleich mit dem VVR spricht sich auch der "Jagdschloß-Express" aus, denn dies hieße "Äpfel mit Birnen vergleichen" - so Roger Pieniak auf heutige Nachfrage.
https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html