20 November 2020

Versammlung gegen das Infektionsschutzgesetz*


Ein Bericht von Norbert Dahms

Berlin. 18. November 2020. 10 Uhr. Mit der S-Bahn Linie 2 geht es in Richtung Innenstadt. Im kurzen zeitlichen Abständen ertönt die Ansage des Sprechers aus dem Lautsprecher und weist auf die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in der S-Bahn hin. Die Mitfahrenden sitzen alle mit Abständen und Maske. Niemand spricht. Kein Lächeln ist zu erkennen. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Alles ist surreal. Traurige Blicke, verängstige Augen. Sie schauen kaum aufwärts, starren auf ihr Mobiltelefon.

10.30 Uhr. Ankunft an der S-Bahnstation "Unter den Linden". Ein großes Polizeiaufgebot ist aufgefahren. Es stehen neben den vielen Polizeifahrzeugen und Wasserwerfern auch ein gepanzertes Fahrzeug der Bundespolizei. Da im Augenblick der Gang durch das Brandenburger Tor gesperrt ist, führt der Weg entlang der Wilhelmstraße, der Behrensstraße und der Ebertstraße zur Straße des 17. Juni. Hier versammeln sich bereits sehr viele Menschen. Es herrscht eine entspannte Stimmung unter den Teilnehmern des heutigen Tages. Entlang der Straße formiert sich ein Zug der "Ärzte für eine freie Impfentscheidung". Mit Gesang ziehen sie langsam den Weg über die Yitzyk-Rabin-Straße in Richtung Regierungsviertel. Schon bald werden sie von einer Polizeikette gestoppt. Doch trotz Gesang und gemeinschaftlicher Sprechchöre, ist hier kein Weiterkommen obgleich die Straße noch Teilfläche der angemeldeten Demonstration ist. Eine Ärztin redet auf junge Polizisten ein. Ihnen ist die emotionale Erregung anzumerken.


Wieder zurück auf der Straße des 17. Junis wird an der LKW-Bühne soeben das Vaterunser gebetet. Der Gesang der Ärzte verstummt, sie stimmen in das Gebet ein und ziehen dann langsam durch die Menschen in Richtung Brandenburger Tor. Dort stehen viele der Demonstranten etwas dichter. Die Pfiffe und Buh-Rufe sind weit zu hören. Erst beim Näherkommen ist zu erkennen, daß dort Wasserwerfer im Einsatz sind. Noch ist nicht zu erfahren, was dort los ist. Doch alles steht, es wird diskutiert, getrommelt, gepfiffen... Der Park in Richtung Reichstag ist mit starken Polizeikräften abgeriegelt. Das Brandenburger Tor ebenfalls.

Immer dann, wenn der Wasserwerfer vorrückt und sich seine Fontänen auf die Demonstranten ergießen, wird es lauter. Ansonsten ist es friedlich. Neben mir steht eine junge Muslima mit Kopftuch. Sie erzählt mir, daß sie in Leipzig ebenfalls dabei war und der Wahnsinn endlich gestoppt werden müsse. Dann erhebt sie beide Hände etwa auf Gesichtshöhe und fängt an zu beten.

Nach ca. 2 Stunden sind auch in meiner Umgebung alle nass bis auf die Haut. Die Reihen lichten sich entsprechend. Erst jetzt sind die Lautsprecherdurchsagen der Polizei überhaupt zu verstehen. Es wird gesagt, daß die Veranstaltung vor etwa 2 Stunden von den Veranstalter beendet worden wäre. Andere sagen, dass die Veranstaltung schon beendet wurde. Wie hört, soll es einen Abbruch wegen Nichteinhaltung von Hygenieauflagen gegeben haben. 


Als die Wasserwerfer und der ihr vorangehenden Polizeikette sehr dicht herankommt, stehen die Menschen mit erhobenen Händen und rufen: "Wir sind das Volk, wir sind ein Volk." Andere rufen: "Warum tut ihr das?" Doch schon kurze Zeit später werden sie unsanft weggedrängt oder geschubst.

Bedingt durch die Nässe und Kälte suchen viele den Rückzug. Dieser führt uns nur in Richtung Potsdamer Platz. Hier stehen bereits viele Bürger in kleinen Gruppen. Ihren Gesichtern sieht man ein Entsetzen an, weil sie soetwas noch nicht erlebt haben. Andere sind traurig. Meistens sind dies ältere Menschen, die einfach nicht glauben können, was heute passierte. Wieder andere diskutieren aufgewühlt miteinander. Auch eine ältere Dame spricht mich an. "Das war´s dann wohl mit dem Grundgesetz. Ich bin extra hergekommen, weil ich mir das anschauen wollte."

Auf der Rückfahrt mit der S-Bahn, dasselbe Bild wie bei der Hinfahrt. Nur die Fahrgeräusche der S-Bahn sind zu hören. Keine Gespräche. An jeder Station die Ansage: "Gemeinsam gegen Corona. Halten Sie Abstand und tragen Sie eine Mund-Nasen-Bedeckung." Die Menschen wirken apathisch. Die Masken im Gesicht, Kinder weinen. Alltag in einer Großstadt.


*) Die Versammlung fand unter dem Motto "Antifaschistische Versammlung gegen Querulanten und Feinde der Gesellschaft"

Weitere Informationen zum Thema:



https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html