27 Dezember 2020

Glaube: Der pommersche Methodismus (1)

Ein Beitrag von Torsten Seegert

Als am Sonntag, den 18. August 2019, die letzte pommersche Kirche der Methodisten schloss, endete auch die Ära einer Freikirche, die aus einer Erweckungsbewegung entstand. Voraus gegangen war ihr die Aufgabe der regelmäßigen Zusammenkünfte in der pommerschen Hansestadt Stralsund. Außer einer kurzen Meldung des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises (PEK) wurde davon kaum Notiz genommen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Geschichte dieser Freikirche heute vielen Menschen genauso wenig vertraut ist, wie ihre Wirkung auf unsere Gesellschaft oder ihr Name. Und das, obgleich ihnen Begriffe, die mit dem "Methodismus" in historischem Zusammenhang stehen - wie "Heilsarmeee", die "Abstinenzbewegung" bzw. das in der DDR verbotene "Blaue Kreuz", die "Bausparkasse" - durchaus geläufig sein dürften.

"Methodismus" -  was ist das?

Um das Verständnis für die pommersche Kirche der Methodisten aufzubringen, bedarf es zunächst eines Blickes auf eine englische Erweckungsbewegung im 18. Jahrhundert, die durch Studenten des sogenannten "Holy Clubs" in Oxford begründet wurde. Zu dem Kreis der Versammelten zählten damals auch schon George Whitefield und John Wesley. Wegen ihrer systematischen Zeiteinteilung und ihrem bewusst christlicher Lebensstil wurden sie frühzeitig als "Methodisten" bespöttelt. 

Prägend soll für Wesley zudem eine Überfahrt zur damals englischen Kolonie Georgia, die heute ein Bundesstaat der Vereinigten Staaten ist, gewesen sein. Hier kam er mit einer Gruppe der Herrnhuter Brüdergemeine um Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Berührung. Beeindruckt zeigte er sich dabei von ihnen, als ein fürchterlichen Seesturm aufzog. Während die Engländer in Panik verfielen, behielten diese Christen die Kontrolle und sangen ihre Psalme. 

Nach dem Predigt-Verbot in Pfarrkirchen, begann Wesley unter freiem Himmel zu predigen.

John Wesley selbst, der nach seiner Bekehrung u.a. Volksbibliotheken einrichtete, Geld zum Aufbau von Schulen sammelte, Darlehenskassen zur Selbsthilfe einrichtete, medizinische Versorgung und Apotheken begründete, wurde durch sein Sozialwerk zu einer prägenden Persönlichkeit der Bewegung. Noch heute ist sozial motiviertes Handeln für Methodisten unverzichtbar und es erklärt auch die Entstehung der Heilsarmee oder die Entwicklung der Abstinenzbewegung, die durch Methodisten geprägt wurde.

Differenzen zu anderen protestantischen Kirchen bestehen daher weniger in der Lehre, sondern eher durch die Lebensführung, die sich Regeln (englisch "method") zur Umsetzung des Glaubens und sozialem Einsatz unterwirft. Eine weitere Besonderheit lag zu Beginn der Bewegung sicher auch darin begründet, dass beispielsweise George Whitefield statt in Räumen unter freiem Himmel predigte - also so, wie es auch aus Überlieferungen zu den Uferpredigten Kosegartens auf Rügen bekannt geworden ist.

Wie kam der Methodismus nach Deutschland?

Die Anfänge des Methodismus in Deutschland reichen bis in das Jahr 1831 zurück und haben ihren offiziellen Ausgangspunkt in der sogenannten "Bremen Mission" gehabt. In der Hansestadt kam man so zwischen 1852 und 1855 zur "Jährlichen Konferenz der Prediger in Bremen" zusammen. Bedingt durch die rasche Ausbreitung des Methodismus über Bremen (1849), Hamburg (1851), Frankfurt /M. und Heilbronn (1851), Pirmasens  und Oldenburg (1854), Lausanne und Zürich (1856) konstituierte sich schon 1856 die "Deutsche Missionskonferenz". Das Zusammentreffen der Prediger wurde in den Folgejahren immer regionaler, da auch die Verästelungen der Methodistischen Kirche immer feingliedriger wurde: Diese Entwicklung drückte sich auch historisch durch die "Deutschland-Konferenz" (ab 1886), die "Norddeutsche Konferenz" (ab 1893) bis hin zur "Nordostdeutsche Konferenz" (ab 1927) aus. Letztere umfasste damals die Provinzen Sachsen, Berlin und Brandenburg, die Grenzmark, Pommern, Danzig, Ost- und Westpreußen - wodurch sie flächenmäßig die größte aller jährlichen Konferenzen hatte. Dies zwang sie schon bald dazu diese neu zu strukturieren, wodurch der Berliner, der Stettiner und der Königsberger Distrikt entstanden.

Wie kam es zur "Pommern Mission"?

Der pommersche Methodismus begann sich über die Hafenstadt Kolberg (1862) auszubreiten und entwickelte sich im bereits erwähnten Stettiner Distrikt in den Folgejahren rasant: Es folgten die Gemeinden in Belgard (1865), Schlawe und Köslin (1866), Stargard (1880), Schievelbein (1882), Gollnow, Barfußdorf und Braunsberg (1883), Stettin (1892), Stolp (1894), Stolpmünde (1898) und Arnswalde (1903). 

Ein Brief löste aus Tribus bei Treptow löste die "Pommern Mission" aus - Treptow 1809 (Peter Ludwig Lütke)

Seinen Anfang nahm die pommersche Mission durch einen Brief, den der Großbauer Volkmann aus Tribus bei Treptow 1859 an Ludwig Sigismund Jacoby (1813-1874) in Bremen sandte. Darin bat ihn um den Besuch durch einen methodistischen Prediger. Obgleich die Bitte selbst nicht ungewöhnlich war, ergaben sich allein durch die räumliche Entfernung die Schwierigkeit der Erfüllung. Zur Abhilfe kam es schließlich durch Ludwig Nippert, der gleich mehrfach von Berlin nach Treptow reiste. Ihm folgte Wilhelm Schwarz, der drei Mal in Volkmanns Haus predigte, und Carl Heinrich Doering. 

Eine stetige Präsenz wurde ab Oktober 1862 durch den jungen Prediger Hermann Ficke möglich. Er bezog seinen ersten festen Wohnsitz in Kolberg und predigte u.a. in Sellnow, Belgard, Lenzen, Köslin, Körlin, Greifenberg, Treptow und Plathe. Der Schwerpunkt seiner Mission lag letztlich jedoch auf Kolberg, dass so zum ersten Kirchenbezirk der pommerschen Methodistenkirche wurde.

Eine der dabei glücklichen Fügungen lag im Besuch der methodistischen Versammlungen durch Lutheraner aus dem Kreise der "Belowianer". die zum damaligen Zeitpunkt 16 Vorsteher und an die 2.000 Mitglieder hatten (1864). Bedingt durch die zu jener Zeit einsetzende Auswandererwelle nach Amerika kam es jedoch auch hier zu abträglichen Entwicklungen. Jacoby notierte in einem seiner Reiseberichte, dass Bruder Ficke hinsichtlich der Arbeit und der Fußreisen denn auch das "angreifendste Werk" gehabt hätte, denn der Durchmesser seines entstehenden pommerschen Bezirks hatte etwa 100 Kilometer. Für seine Mission bedeutete dies, täglich "6 bis 8 Stunden zu Fuß bei Wind und Wetter, über Sand und Sümpfe" unterwegs zu sein. Und auch die Entwicklung der ersten Jahre war zunächst verhalten. Ein Bericht wies 1863/1864 für "Pommern" 18 volle Mitglieder und 50 Probemitglieder der Methodistenkirche aus.

Doch von den anfänglichen Schwierigkeiten ließ man sich dennoch nicht beirren. Stattdessen gründete man einen Kapellenbauverein und erwarb am 4. August 1869 ein Bauplatz in der Schlieffenstraße. Am 18. Oktober des gleichen Jahres wurde noch der Grundstein für das Gotteshaus gelegt und am 21. August 1870 konnte die Kapellenweihe durch Ludwig Sigismund Jacoby gehalten werden. Dennoch sorgten gerade die ersten Jahre auch bedingt durch die Rahmenbedingungen des deutsch-französischen Krieges für einige turbulente Ereignisse. 

So sollte Bruder Steinbrenner, ein Württemberger und Methodistenprediger, seine Reise nach Pommern antreten. Bei dieser rastete er in eine Dorfschenke im Stettiner Bezirk und ließ sich Kaffee und Brot geben. Als er wegen des hohen Preises für das "fast ungenießbar Dargebrachte" ihr das Geld vorenthalten wollte und sie stattdessen im schwäbischen Dialekt dafür rügte, klang es für die Wirtin wie französisch und sie vermutete, dass ihr Gast ein Spion sei. Sie holte Hilfe und eh sich Steinbrenner versah war er Gefangener und wurde zum Gutsherrschaft gebracht, die ihn eines Kreuzverhörs unterzog. Im Anschluss wurde er von misstrauischen Männern des Dorfes nach Kolberg zur Polizei verbracht, wo sich dann schon bald das Missverständnis auflösen ließ. 

Quellenhinweis zur Vertiefung:
"Methodisten schließen ihre letzte Kirche in Vorpommern" (17. August 2019)
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) / Pommerscher Evangelischer Kirchenkreis (PEK)
"Die nordostdeutsche Konferenz der bischöflichen Methodistenkirche 1927-1945" (1986)
Hg. von der Studiengemeinschaft für Geschichte der Evangelisch-methodistischen Kirche / Druckhaus West GmbH

Kolberg: Hier wohnte der erste Prediger Hermann Ficke - Blick auf den Dom um 1880 (Farblithographie: L. Kempner)

https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
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