07 Januar 2021

"Hallo Herr Doktor, wie geht‘s Ihnen….?"

Ein Beitrag von Dr. Thomas Sarnes

"Hallo Herr Doktor, wie geht‘s Ihnen….?" - So begann jedes Mal die Begegnung meiner Mutter mit ihrem Hausarzt, wenn er sie zu Hause besucht hatte. Fast 95 Jahre ist sie geworden, eine kluge, lebenserfahrene Frau. Die Menschen haben sie besucht, wenn sie Sorgen hatten oder einen Rat brauchten und der Arzt hat ihr brav und vertraut von seiner Gicht erzählt und von den Sorgen, die er privat und beruflich hatte. Nein, sie hat nicht studiert und nein, sie war nichts Besonderes in ihrem Selbstbild. Sie war einfach nur in Würde alt und eine weise Frau geworden.

Warum erzähle ich das? Ich erzähle das um zu zeigen, dass es das Leben ist, das uns klug macht. Es ist das Leben und unsere Natur, die uns gesund halten, wenn wir es wollen und wenn wir es zulassen. Die Natur gibt uns so viel Kraft mit, dass wir sie eigentlich nicht brauchen, die Professoren und „Behüter“ unseres Lebens und unserer Gesundheit. Die, die sich als Politiker angeblich um unsere Gesundheit bemühen, dafür aber gar nicht zuständig sind. Warum nicht? Weil wir es selbst sind, die entscheiden, ob wir zum Arzt gehen, ob wir uns in ein Krankenhaus begeben und ob wir uns möglicherweise operieren lassen oder nicht. Dafür braucht es keinen einzigen Politiker. Die sind für die Rahmenbedingungen da, dass Krankenhäuser da sind, mit gutem Budget, mit gut bezahlten Ärzten und Pflegern und Pflegerinnen. Sie, die Politiker sind dafür da, Krankenhäuser zu erhalten und zu fördern und nicht nach vorne heuchelnd aber hinter den Kulissen eines nach dem anderen zu schließen.

Gerade in der jetzigen Zeit gehen mir so viele Dinge durch den Kopf, an die ich als aktiv tätiger Arzt, wenn überhaupt, dann nur selten gedacht habe. Meine Arbeitszeit und meine abendliche Erschöpfung haben mir dafür gar nicht die Zeit gelassen. Und dann ging dieses Berufsleben zu Ende und es kam der Ruhestand oder das, was man so nennt. Ich erinnere mich an den Satz: am Ende des Tages wird es im Herzen eines Chirurgen sehr still. Ja, das kann man sich vorstellen. Ist es aber wirklich so?

Ich möchte gern den Rahmen dieses Berufslebens an 2 Büchern „aufhängen“. Zwei unscheinbare Büchlein, möchte ich fast sagen. Beide gehören in die Ebene der Weltliteratur und mit Recht. Man sollte sie als Arzt gelesen haben, beide. Zu Beginn des Berufslebens auf alle Fälle „Die Zitadelle“ von Cronin. Nein, dieses Buch gibt es nicht mehr zu kaufen. Ich habe alle Antiquariate in Deutschland abgegrast, um jedem meiner Kollegen eines dieser Bücher auf ihren Weg durch das Leben des Arztes mitzugeben. Dort kann man nachlesen, was aus einem jungen guten Arzt wird, wenn er sich vom Kranken abwendet oder mindestens distanziert um sich in die „gehobene“ Gesellschaft der Wissenschaftler mit Einfluss, mit Rang und Namen zu begeben. Was geschieht, wenn man dadurch Abstand zum Patienten, zum Kranken zulässt, wenn man den Rand des Krankenbettes aus den Augen verliert. Dort steht geschrieben, dass Arzt zu sein nicht das Herumschwadronieren ist. Nicht das zu reden, was andere hören wollen. Dort steht geschrieben, was geschieht, wenn man alles vergisst, was in den ursprünglichen Träumen geglüht hat, diesen und nur diesen Beruf zu erlernen. Es ist nicht als Ziel die Urkunde der Approbation, die sich so mancher einrahmt und für alle sichtbar an die Wand hängt. Das ist leicht. Ein glühendes Herz aber kann man nicht an die Wand hängen. Und dort, in diesem Büchlein, kann man auch erfahren was geschieht, wenn das wirkliche Leben diesen Leuten eines Tages die Maske vom Gesicht reißt. Und dort kann man auch erfahren wie es aussieht, wenn diese Einsicht zu spät kommt. Dort kann man lesen, wie kalt und empathielos man unter Umständen werden kann und unser tägliches Leben, gerade jetzt, gibt diesem Büchlein Recht.

Warum schreibe ich das so? Ich schreibe das für die vielen jungen Männer und Frauen, die ihr Leben als Arzt oder Ärztin dem Kranken widmen wollen. Die sich in die Hörsäle setzen und auf ihn warten, den Lehrer, der ihnen erzählt, was richtig und falsch ist. Die nach demjenigen suchen, der so ist wie sie selbst gerne werden wollen. Und nun erleben sie das. Sie erleben, dass ihre Lehrer den Politikern zum Munde reden. Sie erleben, dass die moderne Medizin nicht in der Lage zu sein scheint, zwischen einem Kranken und einem Gesunden zu unterscheiden. Sie erleben, dass die moderne Medizin nicht in der Lage ist zu klären, woran ein Mensch verstirbt. Dass es scheinbar ausreicht, zu vermuten, ob der Kranke mit oder an verloren ging und dass er so praktisch ohne Grund diese Welt verlassen musste. Wie einfach es zu sein scheint, ein Wort zu sagen wie „Corona“ und alles, aber auch alles ist entschuldigt, bewertet und widerspruchslos hinzunehmen. Wer versucht, das zu ergründen ist ein Verschwörer und für diese Gesellschaft ungeeignet. Sie erleben, dass Ausbildung nichts bedeutet. Da kann sich einer hinstellen und sich Epidemiologe nennen, obgleich er nachweislich keiner ist, da kann sich einer in der Zeitung regierungsberatender Chefvirologe nennen lassen, obgleich er kein Virologe ist. Da kann einer von früh bis spät als Arzt arbeiten, sich um seine Kranken kümmern und ein simpler Politiker kann sagen, dass er, der Arzt, keine Ahnung hat. Da kann man als Arzt einem Kranken eine Bescheinigung ausstellen und jeder dahergelaufene Zugschaffner kann sagen, das erkenne er nicht an. Ja, die Welt scheint auf dem Kopf zu stehen.

Nun, meine lieben jungen Kollegen, es ist nicht die Zeit, sich an den vermeintlich Großen Experten der Medizin ein Beispiel zu nehmen. Sicher, es gibt viele wirklich große Ärzte in unserer Zeit. Ich habe mit vielen von ihnen respektvoll und in Augenhöhe zusammengearbeitet. Ich konnte sehr froh sein, dass ich diese großen Ärzte in meiner Nähe hatte. Von denen sieht man aber nichts an der Oberfläche. Sie sind klug, bescheiden und um ihre Patienten bemüht, auch wenn es Professoren sind. Diejenigen, die euch erschrecken, das sind die, die alles sagen nur, dass sie es in irgendeine Kamera sagen dürfen. In der heutigen Zeit im Fernsehen oder in der Zeitung zitiert zu werden, scheint ein unglaublicher Reiz zu sein. Ein Reiz, alles zu sagen, was man hören will. Ein Arzt, der verlangt, dass ein Mensch, der sich nicht impfen lassen will, Nachteile haben muss, das ist kein Arzt! Egal auf welcher Ebene er steht, das ist so armselig, dass es keines Kommentares bedarf. Sie merken, was ich Ihnen sagen möchte? Es ist nicht so aussichtslos. Studieren sie alle weiter. Seien sie fleißig, es lohnt sich. Sie haben sich für einen der schwersten aber auch für den wunderbarsten Beruf entschieden, den es überhaupt gibt. Vergessen sie einfach die, die sich in die Politik oder auf die Amüsierbühnen gerettet haben, weil sie dieser unglaublichen Last nicht gewachsen sind. Von denen ist nur noch das Papier in dem vermutlich goldenen Rahmen geblieben, das sie an ihre großen, moralischen und ehrlichen Zeiten und an ihre frühen Sehnsüchte und Träume erinnert.

Und das 2. Buch, das so unvorstellbar in die Zeit passt ist von Albert Camus „Die Pest“.  Dort heißt es: “Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit“ (A. Camus) Das will ich gar nicht erklären, wer intelligent genug ist und wer einen Funken von Verstand im Kopf hat versteht das. Was aber lernen wir aus diesem Buch? Es sind die Ärzte, die eine Seuche erkennen, es sind die Ärzte, die ihr einen Namen geben und es sind die Ärzte, die die Verwaltungen drängen müssen, die entsprechenden Maßnahmen zu treffen. Sollte es umgekehrt sein, ist der Wurm drin. Es kann auch sein, dass die Politik eine Seuche ausruft, sich die Claqueure sucht, um dieses Szenario zu unterfüttern. Wie auch immer, begehen sie alle an den Universitäten und in ihrem zukünftigen beruflichen Leben nicht den Verrat an der hohen Kunst ihres Berufes und an der Wissenschaft, die gerade auf dem Gebiet der Medizin sehr fragil ist.

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*) Ergänzende Informationen zu den Büchern:

Der Roman "Die Zitadelle" ist ein Werk des schottischen Arztes Archibald Joseph Cronin (1896-1981) aus dem Jahre 1937. Inhaltlich geht es um den idealistischen jungen Arzt Andrew Manson, der die Schwachstellen des damaligen britischen Gesundheitssystems offen legt. Dabei geht es u.a. um die Hierarchien und Vernetzungen auf die Steigerung ihres Einkommens bedachter Ärzte, um ihre Verbindungen zur Pharmaindustrie sowie eine schwerfällige Bürokratie und die an konventionelle Behandlung gewöhnten, unaufgeklärten Patienten, die den Fortschritt behindern. (bei ZVAB)

Der Roman "Die Pest" (Originaltitel "La Peste") wurde 1946 nach fünfjähriger Arbeit von Albert Camus (1913-1960) fertiggestellt. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Werke der Résistance und der französischen Nachkriegsliteratur. Reflektiert wird in dem Roman der Verlauf einer Pestseuche in der Stadt Oran, die eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt.  (bei ZVAB)



Weitere Informationen zum Thema:
https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html