30 Januar 2021

Traum oder Alptraum am Königsstuhl?

Luftaufnahme vom Königsstuhl aus dem Jahre 2018

Saßnitz (SAS). Am 26. November 2020 hat der Wirtschaftsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Harry Glawe (CDU), einen Fördermittelbescheid für die Errichtung einer neuen barrierefreien Zuwegung zum Königsstuhl übergeben. Baubeginn für das von Anfang an umstrittene Bauvorhaben, das unter dem Titel "Königsweg" geführt wird und im Volksmund bereits als "Klobrille" bespöttelt wurde, soll Frühjahr 2021 sein. Nach einer Bauzeit von 11 Monaten könnte das Prestigeprojekt, für das sogar ein Bürgerbegehren gekippt wurde, dann fertiggestellt sein.

Die Kritiker des Bauvorhabens, welches frisches Geld in die Kassen des Nationalparkzentrums spülen soll, sind allerdings weiterhin skeptisch, denn die Baugrunduntersuchung erfolgte im April 2019 - also noch vor der Vernässung der Achterwiese. Zudem weisen sie darauf hin, dass die Bohrungen - eine bis zu einer Tiefe von 40 und die drei weiteren bis zu einer Tiefe von 30 Metern - als Bodenart eine "spröde / brüchige" Kreideschicht feststellten, deren "Basis mit Aufschlüssen nicht erkundet wurde". Die bei den Bohrarbeiten angetroffene Kreide sei "sehr trocken, dadurch stark brüchig und neigt bei Entnahme zur Schollenbildung"

Zur Beurteilung der Gründung kommt die Untersuchung, die u.a. von der Initiativgruppe Perleberg und der Bürgerinitiative "Rügen - Rette Deine Insel!" aufmerksam gelesen wurde, zu dem Ergebnis, dass "die Kreide gegenüber dem Wasser sehr empfindliches Material" sei. Dick unterstrichen in den Unterlagen: 

"Bei nur wenigen Prozent Wasserzugabe ändert sich die Konsistenz stark. Sie ist damit stark anfällig gegen Durchfeuchtung und dynamischen Energieeintrag, wie er bei einer Bohrpfahlherstellung zu erwarten ist." Und: "Wegen der sensiblen Standsicherheit sollten jegliche rammende Verfahren ausgeschlossen werden." Weiterhin heißt es auch: "Es wird darauf hingewiesen, dass ein Ansatz der angegebenen Mantelreibungs- und Spitzendruckwerte für einen Bohrpfahl nur bei Einhaltung einer hohen Pfahlqualität gerechtfertigt ist, insbesondere gilt dies beim Bohren in Kreide. Eine streng gehandhabte Qualitätssicherung bei der Bohrpfahlherstellung ist zu realisieren."

In den Kreisen der Kritiker macht derzeit auch ein "Windgutachten" vom 26. Februar 2020 die Runde. Das sieht es auch als problematisch an, wenn die Winde aus südöstlicher oder nördlicher Richtung angreifen - weil Instabilitäten möglich wird. 

Das besagte Gutachten kommt u.a. zu der Einschätzung, dass sich das Bauwerk "im Grenzbereich zur Nachweisfähigkeit gegenüber Galopping" befindet, darum sind Änderungen an "Eigenfrequenzen, an der Masse, an der Lage und am Querschnitt der Brücke erforderlich", die wiederum Einfluss auf das aerodynamische Verhalten des Bauwerks haben. 

Schnee und Eis im Winter dürften ebenfalls zur Herausforderung für das Bauwerk in der der Praxis werden, denn ein Zusetzen des Seilnetzes vom Geländer solle in jedem Fall verhindert werden. Zur Erinnerung: Das Bauwerk soll auf einem Geländesprung von etwa 120 Metern Höhe und mit einer Auskragung von 90 Metern errichtet werden.

Ob die Aussicht überhaupt zu dem Höhepunkt für Einheimische und Gäste wird, bleibt auch fraglich, weil es in dem Fazit des "Windgutachtens" beispielsweise heißt:

"Es ist jedoch zu beachten, dass die betrachteten Windgeschwindigkeiten bereits so hoch sind, dass ein Aufenthalt von Personen auf dem Steg generell fraglich ist bzw. sogar als gefährlich eingestuft werden muss. Die 1-jährlichen Geschwindigkeiten, die für die horizontalen Beschleunigungen verantwortlich sind, sind am Steg etwa 30 m/s (110 km/h). Bei den Windrichtungen, bei denen es zu den größten vertikalen Beschleunigungen kommt, sind am Steg etwa 26 m/s (95 km/h) zu erwarten."

Mit Beschluss Nr. 05-01/19 des Hauptausschusses vom 19.02.2020 übernahm die Stadt Sassnitz die Bauträgerschaft von der Nationalpark-Zentrum Königsstuhl Sassnitz gGmbH (NPZ), weil Fördermittel nur an die Stadt auszahlbar sind. Damit kann das Projekt auch angesichts der steigenden Stahlpreise noch vom Traum zum Alptraum für die Stadt Saßnitz werden.

Keine Beachtung findet derzeit erstaunlicherweise eine Revisionstreppe, wie sie nun an der Fußgängerbrücken zwischen Rügenplatz und Hafen nachträglich geplant werden muss.
https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
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