28 Januar 2021

Zwischen Sund und Kap Arkona (55)

Blick auf das Dorf Vitt auf der Halbinsel Wittow - Vom Wanderweg nach Kap Arkona

Ein Beitrag von Torsten Seegert

Wenn man diesem Streifzug eine Überschrift geben wollte, so würde man ihn vielleicht mit der Kopfzeile "Von Vitt, Vitte und Vitten" titeln. Doch dies ist keine Steigerung des Begriffes, wie man es zunächst annehmen könnte. Dennoch ist der Name ja für Gäste doch sehr ungewöhnlich und bedarf einer Erklärung. Und diese hat, wie so oft wenn es um Volkskunde auf der Insel geht, Prof. Dr. Alfred Haas parat.

Blick vom Fischerstrand zum Kap Arkona mit dem Peilturm

Wenn man seiner Erklärung des Namen folgt, hatte schon J. C. Dähnert diese Orte als "Fisch- und Heringslage" mit kleinen Häusern am Strande beschrieben. Andere taten es ihm gleich und so stellte Haas schon bald fest, dass in der Zeit des Heringsfanges sich an diesen Strandorten Fischer, Krugwirte und Kaufleute tummelten. Diese Lager, die also zwischen August und Oktober Konjunktur hattem, waren keineswegs ungewöhnlich, denn sie wurden neben der pommerschen Hansestadt Stralsund auch von weiteren Mitgliedern des Hansabundes - wie Greifswald oder Stettin - unterhalten.

Der alte Steg - beliebtes Motiv für Fotografen und Kameraleute

Die früheste Erwähnung von pommerschen Vitten ist in einer Urkunde vom 23. Mai 1290 datiert. Mit ihr verleiht Fürst Witzlaw II. den Stralsundern u.a. das Recht und die weitgehende Freiheit auf dem Gebiete des Fürstentums Rügen Vitten zum Zwecke des Herings- und Fischfangs anzulegen. Hier wurden jedoch nicht nur Fische angelandet und gehandelt sondern auch Streitsachen nach lübischem Recht entschieden. 

Das vielleicht älteste Gasthaus der Insel, leider derzeit auch geschlossen

Haas selbst hat ganze 7 derartige Vitten ausgemacht, wobei der bekannteste Ort auch bis heute diese Bezeichnung trägt: Die Rede ist von Vitt, wobei man zur Unterscheidung von anderen Orten mit ähnlicher Bezeichnung auch von "Vitt auf Wittow" oder "Vitt bei Arkona" und ganz früher sogar von der "Groten Vitte" sprach. In einer tiefen Schlucht zum Strand liegt der Ort noch heute gut versteckt, so gut, dass die Schweden an ihm vorbei gelaufen sein sollen. Eben hier soll die Tradition eines Heringsmarktes noch in die Zeit vor 1168, dem Zeitpunkt des Falls der Feste Arkun, gefallen sein. Und auch seine Bewohner sollen früher ausschließlich Fischer gewesen sein. Zu der Zeit des Heringsfanges sollen hier also auch Uferpredigten unter freiem Himmel stattgefunden haben, bis um 1800 Kosegarten den Bau einer Kapelle beschloss, deren Planung 1816 mit acht Ecken umgesetzt worden sein soll und die auch heute noch sehenswert ist. Doch Haas weiß auch noch von der besonderen Güte der von den Vitter Fischern gefangenen Heringe zu berichten, die "Turmheringe" genannt werden, weil sie unterhalb des Leuchtturmes gefangen werden.

Die Rüganer wollen ihre weiße Kapelle zurück, doch die Kirche sieht das wohl anders...

Daneben gabt es, wie bereits beschrieben sechs weitere Vitten. Vitte auf Hiddensee ist eine von ihnen und sie wird gern mit Vitt auf der Halbinsel Wittow bei Arkona verwechselt. Die anderen sind dagegen auch vielen Rüganern heute unbekannt: Rusevase (auch "Provase" genannt, lag nördlich von Putgarten und westlich vom Kap Arkona), die Tresser Vitte (auch "Lutte Vitte" genannt, lag an der Nordküste der Halbinsel Wittow - zwischen Nonnevitz und Varnkevitz), die Vischer Leger zu Dranske (nahe Dranske beim "Rehberg Ort" auf dem Nordwestlichen Flügel von der Halbinsel Wittow) Vitte (südöstlich des Gutshofes Lanken, nahe dem Ostrande des Wäldchens Dwasieden, auf der Halbinsel Jasmund) und Vitte (zwischen Lobbe und dem Nordperd, auf der Halbinsel Mönchgut). Sie sind längst eingegangen und aus dem Bewußtsein des Alltags verschwunden.

An der Ostseite der Halbinsel führt ein Wanderweg vom Kap Arkona bis nach Drewoldke

Weitere Beiträge aus der Reihe "Zwischen Sund und Kap Arkona" mit den Orten von A-Z:

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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin) / Das "Hans-Mallon-Grabmal / 

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von LonvitzLancken GranitzDwasieden und Lauterbach
https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html