17 Februar 2021

Landkreis lädt zu "Weltreisen" auf Rügen ein

"Weltreisen" auf Rügen: Auch Warten will gelernt sein.

Stralsund (PA). Der Landkreis Vorpommern-Rügen schreibt seinen Nahverkehrsplan fort. Erklärtes Ziel: Die Mobilität im Landkreis bedarfsorientiert anzupassen. Dabei soll es nicht nur um ein besseres Angebot für den Alltag gehen. Um dieses zukünftig zu erhalten, können noch bis 31. März 2021 Vorschläge eingereicht werden. 

Ein Report von der Halbinsel Wittow, brachte nun zu Tage, dass, um den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern, bereits ein Blick in den Fahrplan der landkreiseigenen Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen mbH (VVR) reichen würde - wie Rüganer uns vor Ort berichteten. Und in der Tat: Wer mit dem Bus von Putgarten nach Dranske fahren möchte ist 1 Stunde und 12 Minuten unterwegs. Immerhin ist dies ab 10.02 Uhr ganze 8 Stunden lang möglich. Wer es allerdings etwas eiliger hat, sollte die Busverbindung in umgekehrter Richtung nutzen, da dauert es nur noch 34 Minuten und das sogar mit 1 Mal umsteigen. So schnell über Wittow zu "sausen" sei allerdings nur einmal am Tag möglich, wie aufgebrachte Rüganer zu berichten wissen.

Das hat auch seine Wirkung auf die Schüler, da diese in den Ferien nicht die vollen Betreuungszeit nutzen können. Das Problem: Sie haben keinen Anschluss von Altenkirchen nach Putgarten. "Pech gehabt!" kommentiert eine betroffene Mutter. So müssen die Kinder schon um 15 Uhr nach Hause fahren. Die Folge: Die Eltern müssen sehen, wie eine Betreuung trotzdem möglich wird.

Noch problematischer soll es für Schüler des Gymnasiums sein. Seit der Schließung des allgemeinbildenden Gymnasiums in Saßnitz im Jahre 2008, müssen die Schüler bis nach Bergen fahren. Die Eltern von Kindern, die auf dieses Gymnasium gehen, lösen die schlechte Verkehrsanbindung auf die Halbinsel Wittow auf ihre ganz eigene Weise: Sie holen die Schüler aus Sagard ab, da diese sonst eine Stunde auf den nächsten Bus nach Wittow warten müssten - wie ein Vater berichtet. Wie er anmerkt, fahren die Busse derzeit erst etwa 30 bis 40 Minuten nach Schulschluss los. Wer sich auf die "Odyssee" über die Insel Rügen begebe, sei dann noch sage und schreibe 1,5 Stunden unterwegs. Noch dramatischer klingen seine Schilderungen, wenn man den Bus verpasse. Dann - so der Vater - müssten die Kinder zwischen einer und zwei Stunden warten, um den nächsten Bus "zu erwischen" - unabhängig davon, ob Sommer oder Winter sei. Dieser Hinweis, so der Wittower, sei wichtig, da man wissen müsse, dass die Haltestellen kaum Schutz vor Wind und Nässe bieten.

Noch abenteuerlicher klingen die Geschichten einer Oma. Sie erzählt, dass ihr Enkel von Altenkirchen nach Dranske über den Bakenberg fahren müsse. Doch damit nicht genug: Schüler, die von Altenkirchen nach Fernlüttkevitz unterwegs seien, machen einen "Ausflug" über Schwarbe, Varnkevitz durch Putgarten zum Kap Arkona, dann zurück nach Putgarten. Im Anschluß hieße jedoch erst einmal auszusteigen und nach einer Wartezeit ginge es weiter nach Fernlüttkevitz. 

Das die Schülerbeförderung eine "Katastrophe" sei, so die ältere Dame, sei bekannt. In der Vergangenheit gab es schon öfter massive Beschwerden. Das hätte u.a. dazu geführt, dass Eltern, um die fünf Kilometer lange Strecke zeitlich zu verkürzen, eine Haltestelle zum Ersatz am Abzweig Nordstrand / Fernlüttkevitz beim VVR eingefordert hätten. Dem habe sich das Busunternehmen des Landkreises dann gebeugt. Für die Schüler bedeute dies nun ein Zeitersparnis, aber: Sie müssen trotzdem etwa 2 Kilometer mit ihren schweren Schulbeuteln zurücklegen. Dies ist zudem nicht ganz ungefährlich, denn nur die Straße sei zu begehen möglich, da kein Fußweg vorhanden sei. Und dunkel werden dürfe es auch nicht, denn eine Beleuchtung gäbe es nicht. Der Fahrplan der Busse sei ohnehin mit dem Schulplan nicht abgestimmt, gibt eine andere Mutter zu bedenken. 

Unmut regt sich auch, weil die jungen Rüganer schon von klein auf an spüren, dass an sie nur wenig gedacht werde. Bis zu 59 Minuten Wartezeit auf einen Schulbus gelten - nach Aussagen der Eltern - im Landkreis als vertretbar. In anderen Landkreisen seien die Wartezeit dagegen deutlich geringer. 

Doch auch die Touristen werden nicht gerade zur Nutzung der Buslinien animiert. Als ein Beispiel dafür, weiß eine Mutter die im Gastgewerbe arbeitet zu berichten, dass die Busse nicht nach Breege fahren, so dass es für die Gäste der Insel bedeutet, dass sie u.a. vom Aquamaris bis zum Breeger Hafen zu Fuß laufen müssten. Auch Angestellte in der Tourismuswirtschaft haben mit den Bussen ihre liebe Not, so seien Anschlüsse nach Putgarten so unpraktisch, dass der Bus als Verkehrsmittel kaum in Frage käme. Verständlich auch für Berufstätige, die aus Breege kämen, denn: Wer von Putgarten nach Hause fahren wolle, müsse dann in Altenkirchen umsteigen, um über Fährhof nach Breege zu fahren - und das sei nun mal "eine Weltreise". Und zu diesen werde derzeit das ganze Jahr auf der Insel eingeladen. Dabei - so die betroffenen Bürger - ginge es nun nicht um eine Fortschreibung des Nahverkehrsplans sondern um eine grundsätzliche Korrektur des Nahverkehrs auf der Insel, weil dieser nicht bedarfsorientiert sei.

Vergleichbare Geschichten ließen sich auch aus dem Süden der Insel zusammentragen. Bürger können sich zu diesem Thema auch direkt an den pommerschen Landrat Dr. Stefan Kerth (SPD) wenden. Nachfolgend die zu nutzende postalische Adresse: 

Landkreis Vorpommern-Rügen
Der Landrat
Carl-Heydemann-Ring 67
18437 Stralsund

(oder via Mail an poststelle@lk-vr.de)

https://www.inselreport.de/2019/04/die-hochsten-pommerschen-leuchtturme.html   https://www.inselreport.de/2019/04/die-groten-pommerschen-inseln.html   https://www.inselreport.de/2019/11/die-erfolgreichsten-pommerschen-musiker.html https://www.inselreport.de/2017/10/enders-welt.html   https://www.inselreport.de/2017/10/mythos-stortebeker-2-die-rugenfestspiele.html   https://www.inselreport.de/2018/08/uber-ulrich-muther-seine-mitstreiter.html
https://www.inselreport.de/2019/12/schloss-putbus-zum-wiederaufbau.html   https://www.inselreport.de/2019/10/nord-stream-2-wettlauf-mit-der-zeit.html   https://www.inselreport.de/2018/07/ein-besuch-der-hydrierwerke-politz.html